Via Nova: Kunstfest Corvey


Foto: Kunstfest Corvey



Bob Dylan besingt in dem Song "Long Ago, Far Away" Frieden und Brüderlichkeit, er besingt den Mann, der dafür gekreuzigt wurde – these things don’t happen no more, nowadays. Wo sind Demut, Mitleid, Menschlichkeit geblieben? Vielleicht gerettet und überlebt und wiederbelebt in der Sprache, den Künsten, der Musik. Womöglich rührt daher das Interesse, das Vergangene zu erkunden, nicht um zu bedauern, was verlorengegangen ist, sondern um zu graben, zu finden, zu erinnern und zu erneuern.


Das Skriptorium in der Klosterschule von Corvey war das Herz des geistigen und geistlichen Zentrums. Jede dort gefertigte Handschrift ist ein Botenstoff, den wir heute nicht nur als ein kulturelles Zeugnis ehrfurchtsvoll betrachten können, sondern in dem wir lesen können, wie alles wandert und sich verändert. Und weiter wandert, Impulse aufnimmt, sich anreichert und vielschichtig wird. Übergänge und Stoff-Wechsel werden sichtbar. Ganz am Anfang der deutschsprachigen Literatur steht die Bibeldichtung "Der Heliand", eine der größten Leistungen jener Zeit, geschrieben um 830 von einem gelehrten Dichter, wohl im Auftrag von Ludwig dem Frommen, um den jungen sächsischen Adel mit den christlichen Ideen vertraut zu machen. Zwei Handschriften aus Corvey sind erhalten, ein in feinster karolingischer Minuskel geschriebenes, fast vollständiges Exemplar wird in München verwahrt; ein schwer beschädigtes Bruchstück befindet sich in Berlin. Geschildert wird das Leben Jesu, besonderes Gewicht erhält die Bergpredigt, die völlig neue Werte – die Nächsten- und die Feindesliebe – benennt, undenkbar nach sächsischer Rechtsauffassung, ebenso wie die Kreuzigung etwas vollkommen Neues war. Der Galgen war bekannt, aber nicht das Kreuz und seine symbolische Bedeutung.


Der Heliand ist ein großartiges Beispiel, wie sich Spätantike, germanische Lebenspraxis und die christlich geprägte Weltsicht der Franken durchdringen und produktiv, dialektisch ineinandergreifen – eine Transformation und ein spannungsreiches Neben- und Miteinander, ein Motor für erstaunliche sprachliche und kulturelle Neuschöpfungen. Aspekte, die der Heliand aufwirft: kulturelle Identität, Begegnung der Religionen, Schicksal und Selbstbestimmung, Neuanfang und Apokalypse – ja, die Frage nach dem Sinn des Lebens werden bei "Via Nova – Kunstfest Corvey" vielseitig thematisiert, aus verschiedenen Epochen und in zeitgenössischen Positionen literarisch und musikalisch fortgeschrieben, in Gesprächen und in Performances künstlerisch aufgegriffen. Studierende der Medienproduktion an der Technischen Hochschule OWL erarbeiten eine Installation aus Sound, Musik, Video, die während des Kunstfestes zu sehen ist. Die Gesamtschule Brakel beteiligt sich mit einem von Künstler*innen angeleiteten Schulprojekt.


Text und Programm > Schloss Corvey



Als Jubiläumsprojekt gefördert von der Kunststiftung NRW.