20. Wege durch das Land




Zum zwanzigsten Mal ist das Literatur- und Musikfest ‹Wege durch das Land› in diesem Jahr in Ostwestfalen-Lippe unterwegs! Dieses Jubiläum wird zum Anlass, sich mit Bewegung und Aufbruch zu beschäftigen: So lassen wir uns von historischen Wegmarkierungen inspirieren, die für unser Land Abschluss und Neubeginn zugleich waren, wie zum Beispiel die Anfangszeit der Weimarer Republik 1919, die Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 und der Fall der Mauer 1989. Ihnen folgend wird das Jahresmotto ‹Aufbruch!› heißen!


Im letzten Jahr widmete sich ‹Wege durch das Land› dem Motto ‹Mut und Widerstand›. Nun wollen wir einen Schritt weitergehen und uns fragen, wofür es sich lohnt, widerständig zu sein. Gibt es Utopien, über die wir nachdenken sollten? Und welche Rolle sollte die Kunst dabei spielen? Wir wollen untersuchen, inwieweit Künstler*innen Aufbruchsbewegungen formuliert und angeregt haben, denn seit jeher erneuert sich die Kunst aus sich selbst heraus und bricht zu neuen Ufern auf. Der russische Autor Wladimir Majakowski formulierte nach der Oktoberrevolution von 1917 den alten Traum vom Neuen Menschen, der in der Sowjetunion eine Heimat bekommen sollte, während der junge Dmitri Schostakowitsch zur selben Zeit mit seiner 1. Klaviersonate ‹eine neue Seite in der Geschichte der Sinfonik› aufschlug, wie es der Dirigent der Uraufführung Nikolai Malko ausdrückte. Als Galileo Galilei mit seinem selbstgebauten Fernrohr erstmals die Sterne beobachtete und darüber in der Schrift ‹Sidereus Nuncius› berichtete, prägte dieser Aufbruch zu den Sternen das Lebensgefühl einer ganzen Epoche, die wir heute als Renaissance kennen. Der erste Gedichtband der jungen Else Lasker-Schüler will gar in ‹das Grenzenlose› aufbrechen und begründete so den deutschen Expressionismus mit. Das Aufbrechen wollen wir aber auch ganz wörtlich nehmen und vier Reiseberichte aus 200 Jahren durch Ostwestfalen-Lippe vorstellen.


Auch der Blick auf die Geschichte der beiden deutschen Staaten ist künstlerisch interessant. Während man nach dem Krieg in der Bundesrepublik versuchte, durch Arbeit die Aufarbeitung zu verdrängen, und erst die Studentenbewegung von 1968 zur Beschäftigung mit der Vergangenheit führte, verschrieb sich die DDR einer neuen Gesellschaftsform, in der Faschismus nie wieder eine Chance haben sollte.

Ein wichtiger und mutiger Aufbruch, auch wenn er in kürzester Zeit in einem Unrechtsstaat endete, dessen Mauer vor 30 Jahren zerbrach. In dieser Zeit des Übergangs oblag es den Künstler*innen, Alternativen aufzuzeigen und Richtungen vorzugeben. Nicht ohne Grund waren es Schauspieler*innen und Autor*innen, welche die große Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 durchführten. Anders als im heutigen Deutschland und anders als in der Bonner Republik war es für viele Künstler*innen aus der DDR kaum möglich, Politik von der Kunstproduktion zu trennen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Literatur dieses untergegangenen Landes. Die Autoren Volker Braun und Reiner Kunze werden mit neuen und vor dem Mauerfall entstandenen Werken zu uns kommen, und der Leipziger Clemens Meyer eröffnet das Festival mit der ‹Rede an die Sprache›. Schlüsseltexte der DDR-Literatur von Ulrich Plenzdorf, Christa Wolff und Inge Müller, die sich mit dem Aufbruch der Frauen in der DDR auseinandersetzt, werden zu hören sein.


Daneben wendet sich ‹Wege durch das Land› auch dieses Jahr Ausdrucksformen zu, die neu für das Festival sind. Wir haben u. a. einen Hip-Hopper, einen Elektro-Musiker und eine Poetry-Slammerin eingeladen, unsere Gäste zu sein. Inspirierend ist auch der Aufbruch der Dresdner Banda Communale, die seit 2015 gefluchtete Musiker*innen aus aller Welt aufnimmt und so zur Banda Internationale wurde.


Text: Wege durch das Land