Werkstatt Straelen


Kaum haben wir die Augen aufgeschlagen in dieser Welt, beginnen wir zu übersetzen: benennen Menschen, Tiere, Wasser, Himmel und Erde mit Lauten, dann Worten, Sätzen und taufen so, was wir sehen, hören, empfinden. Aber was immer wir zur Sprache bringen, ist nicht einfach deckungsgleich mit dem Getauften - schließlich ist im Wort Ozean noch niemand ertrunken und im Wort Abgrund noch niemand zu Tode gestürzt, sondern jedes Wort, jede Silbe erweckt in uns Bilder der Erfahrung, den Klang der Wirklichkeit und erinnert uns an das, was war, was ist und sein wird.

Und damit nicht genug: Unsere Worte ziehen Kreis um Kreis wie ein in stilles Wasser geworfener Kiesel. Namensgeber und Täufer anderer Sprachen und Kulturen nehmen sich da und dort unserer Vokabel und Gedanken an, übertragen sie aber nicht bloß in ihr Idiom, sondern verwandeln sie, bringen an diesem Wort eine Stelle zum Glänzen, bezeichnen an einem anderen einen weißen, vielleicht blinden Fleck oder einen schimmernden Reflex, bevor sie sich zu Übersetzern aufschwingen und Geschichten, Gedichte oder Briefe noch einmal anders und neu zur Sprache bringen. Im biblischen Babylon erschien die Vielsprachigkeit als Unheil, an dem selbst der höchste Turm der Menschheit zuschanden wurde. Über die stillen Wasser der Übersetzer dagegen ziehen Wellen von Ufer zu Ufer, verbinden und überschneiden sich und bilden da und dort fliehende Muster, aus dem sich der Zauber der Sprache nicht nur über Grenzen, sondern selbst über die Zeit und ihre Jahrhunderte erhebt.

                                                                                                                   "Stille Wasser" von Christoph Ransmayr (*)


 


EÜK, Foto: CI



Viele Bücher stellen Literaturübersetzer vor derart spezifische sprachliche und sachliche Probleme, dass sie idealerweise nur im direkten Kontakt mit dem Autor wirklich adäquat übersetzt werden können. Wie könnte ein Übersetzer sonst unmittelbar alle Bedeutungen klären, wenn im Text von Juli Zeh von der „Zaunreiterin“ oder bei Julia Franck vom Brauch des „Eierschiebens“ oder bei Eugen Ruge vom „Dauerbrandofen“ die Rede ist? Und was meint das altertümliche Schimpfwort „Registermacherschelm“ im Roman von Saša Stanišić? Und welche Bedeutung schwingt mit, wenn es in einer Textstelle bei Feridun Zaimoglu heißt „Gesegnet sei der Tag, an dem der Teufel sein Hinterbein brach“?


Im Rahmen der internationalen Veranstaltungsreihe „Straelener Atriumsgespräche“ – initiiert 2007 von der Kunststiftung NRW und dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen – arbeiten zweimal jährlich herausragende deutschsprachige Autorinnen und Autoren über mehrere Tage mit ihren ausländischen Übersetzern am aktuellen Werk.


Die Kunststiftung NRW würdigt mit diesem besonderen Projekt die künstlerische Arbeit der Literaturübersetzer und möchte dazu beitragen, Fehler und Missverständnisse im Sprach- und Kulturtransfer zu vermeiden; darüber hinaus soll die Rezeption deutschsprachiger Literatur im Ausland gefördert und generell die Qualität übersetzter Literatur gesteigert werden.


Weitere Informationen www.euk-straelen.de


Bisherige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Straelener Atriumsgespräche und ihre Werke:


2018: Werke von W. G. Sebald (Die Gespräche finden statt vom 14.-20. Oktober)

2017: Christoph Ransmayr - Cox | Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

2016: Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen | Ilja Trojanow – Macht und Widerstand

2015: Judith Hermann – Aller Liebe Anfang | Lutz Seiler – Kruso

2014: Katja Petrowskaja – Vielleicht Esther | Saša Stanišić – Vor dem Fest

2012: Eugen Ruge – In Zeiten des abnehmenden Lichts | Sibylle Lewitscharoff – Blumenberg

2011: Günter Grass – Grimms Wörter

2010: Juli Zeh – Corpus Delicti

2009: Ingo Schulze – Adam und Evelyn | Uwe Tellkamp – Der Turm

2008: Julia Franck – Die Mittagsfrau

2007: Feridun Zaimoglu – Leyla



(*) Anlässlich des 15. Straelener Atriumsgesprächs , das vom 26. bis 30. Juni 2017 im Europäischen Übersetzerkolleg Straelen stattfand, traf Christoph Ransmayr die Übersetzerinnen und Übersetzer seines Romans „Cox oder Der Lauf der Zeit“ (erschienen 2016 im S. Fischer Verlag) aus Bulgarien, China, Großbritannien/USA, Italien, Kroatien, den Niederlanden, Polen und Spanien.

Als Dank und Anerkennung für diese Zusammenarbeit und in Faszination fürs Übersetzen hat Christoph Ransmayr (*1954) den Text „Stille Wasser“ verfasst.



Das vom Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen begründete Format ViceVersa ermöglicht zweisprachige Übersetzerwerkstätten mit Teilnehmern eines bestimmten Sprachenpaares. Die mehrtägigen Workshops schaffen einen idealen Diskussionsraum für die Feinheiten literarischer Übersetzungen. Die Teilnehmer erhalten ein qualifiziertes Echo auf die eigene Arbeit und knüpfen Arbeitsbeziehungen zu Kollegen aus den Ländern der Sprache, aus der sie übersetzen.


Seit September 2015 fördert die Kunststiftung NRW die ViceVersa Übersetzerwerkstätten:


2018: Isländische und Dänische Übersetzerwerkstatt

2017: Russische, Finnische und Bosnisch-Kroatisch-Serbische Übersetzerwerkstatt

2016: Dänische, Ungarische und Niederländische Übersetzerwerkstatt

2015: Finnische, Polnische und Georgische Übersetzerwerkstatt


Allgemeine Informationen und Bewerbungsunterlagen finden Sie unter: www.euk-straelen.de




27. bis 31. August 2018

Stilblüten und andere Stolpersteine


Ein sprachübergreifendes Seminar für Literaturübersetzerinnen und Literaturübersetzer am Anfang ihrer Berufslaufbahn


Eine Kooperation der Kunststiftung NRW und des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Straelen