Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim an der Ruhr


"Ronja" im Ringlokschuppen / MÜGA



Der Ringlokschuppen Ruhr ist ein Koproduktionshaus für zeitgenössisches Theater, Performance und Tanz in Mülheim an der Ruhr. Regional und international agierende Künstler*innen, aktuelle Gesellschaftsdiskurse und vielfältige Kunstformen treffen im 1904 errichteten Lokschuppen und seinen drei Bühnen aufeinander. Das Hauptprogramm changiert zwischen avancierten Arbeiten der freien Szene, Nachwuchspositionen und Populärkultur. Somit entsteht ein künstlerisches und kulturelles Konglomerat verschiedener Zugänge und Perspektiven auf eine diverse Ruhrgebietsregion am Puls der Zeit.


Seit 2006 baut das Ringlokschuppen-Team kontinuierlich ein umfassendes Künstler*innennetzwerk bundesweit und international auf und blickt mit vielen Gruppen, Ensembles und Kollektiven auf langjährige Arbeitsbeziehungen zurück: u.a. mit andcompany&Co., Anna Kpok, CocoonDance Company, Cooperativa Maura Morales, Gintersdorfer/Klaßen, Marta Górnicka, kainkollektiv, kgi, Monster Truck, Boris Nikitin, vorschlag:hammer. Neben der Vielzahl von Arbeiten im Theater initiiert das Haus regelmäßig partizipatorische Projekte im Stadtraum, u.a. mit LIGNA, invisible playground, Dries Verhoeven und aktuell die  Silent University Ruhr .


Die Silent University Ruhr, gegründet 2015 gemeinsam mit dem Künstler Ahmet Ögüt, dem Impulse Theater Festival und Urbane Künste Ruhr, ist eine autonome Plattform für geflüchtete Akademiker*innen, die hier ihr zum Schweigen gebrachtes Wissen öffentlich vermitteln können. Die Silent University hat weitreichenden Einfluss auf Selbstverständnis und Verfasstheit des Produktionshauses genommen. Das Team des Ringlokschuppen Ruhr hat sich 2018 gemeinschaftlich entschlossen, die bisherige interkulturelle Arbeit transkulturell weiterzuführen und die Struktur des Hauses nachhaltig zu diversifizieren.


Der Ringlokschuppen Ruhr tritt dafür ein, dass sich Kulturorte an der Gestaltung eines sich rasant verändernden Kulturbegriffs proaktiv beteiligen. Die Naturwüchsigkeit von Kulturen ist dabei grundsätzlich infrage zu stellen und multilinguale soziale Prozesse zu begrüßen. Nur so können sie zukünftig zum Ort der Vielen in der Gesellschaft werden.



In 2019 fokussiert sich der Ringlokschuppen Ruhr unter der Rahmung „New Na(rra)tions“ auf internationale Positionen aus Zentralafrika und dem arabischen Raum, deren Perspektiven auf europäische Diskurse und die bis dato unbewältigte Vergangenheit der Kolonialzeit, sowie die erkennbaren Konsequenzen derselben in der Ordnung unserer Gegenwart.


Dem Ringlokschuppen Ruhr ist bewusst, dass es zunächst einmal darum gehen muss, einen Raum zu schaffen, in dem sich widersprüchliche Lebensweisen, Positionen und Perspektiven anerkannt fühlen können. Das bedeutet auch, dass die inter- und transkulturellen idealisierten Projektionen weißer, europäischer Theatermacher*innen oder anderer Kulturschaffender in ihrer ideengeschichtlichen Verstrickung und Eigenlogik „weiß“ und nicht herrschaftsfrei bleiben. Das Kuratieren internationaler Kunst muss vorerst (und sehr wahrscheinlich für einige Zeit) als ein an sich zu problematisierender Vorgang betrachtet werden.


Die Dimension impliziter Exotismen, Traumata und Diskriminierungen, die unbewusst vorhanden bleiben, lassen sich nicht ad hoc auflösen, jedoch bewusst und sichtbar machen. Dabei kann es nicht um das Aufheben von Differenz, sondern nur um das Aushalten von Ambivalenz gehen. Beispielsweise verhandelt das Stück Sawtche Baartman: Une Histoire. Une Vie des kamerunischen Regisseurs Martin Ambara den widersprüchlichen Zusammenhang von Projektionen, Wünschen und Triebunterdrückung, welcher als psycho-soziale Grundlage des Rassismus gilt.



Martin Ambara / OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé


Seit 2013 arbeitet der Ringlokschuppen Ruhr mit Martin Ambara, dem Regisseur und Künstlerischen Leiter des OTHNI Theaters (Objet Théâtrale Non Identifié) in Yaoundé (Kamerun), zusammen. Mit kainkollektiv wurden bereits zwei sehr erfolgreiche Koproduktionen auf den Weg gebracht. Für 2019 sind zwei weitere Zusammenarbeiten mit Martin Ambara geplant. In seinen Arbeiten spürt er den Zurichtungen des französischen Kolonialerbes nach und wirft komplexe Fragen nach kulturellen Identitäten der in Kamerun lebenden Menschen auf. Dabei changiert er zwischen den rituellen Stammestraditionen und deren performativer, postmoderner Überschreibung.


Hamletmaschine

Heiner Müllers Hamletmaschine bleibt für Ambara dabei ein (bisher) theoretischer Fluchtpunkt, der es immer noch vermag, den Spagat zwischen unterdrückter Tradition und marodierender Moderne produktiv als ästhetischen Überbau zu befeuern. Ambaras postkoloniale Relektüre der Hamletmaschine offenbart in Müllers gewaltigen und gewalttätigen Sprachbildern „die afrikanische Erfahrung“ (Ambara) der Entfremdung und des Identitätsverlusts, durch die vielfachen Zumutungen der Kolonialisierung.

Koproduktion des OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé (Kamerun) mit Ringlokschuppen Ruhr


Sawtche Baartman: Une Histoire. Une Vie

Der Ringlok­schuppen Ruhr plant für 2019 neben der Koproduktion Hamletmaschine mit Ambaras OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé das Gastspiel Sawtche Baartman: Une Histoire. Une Vie. Martin Ambara wirft sehr widersprüchliche fiktive Blicke auf die Figur der Sawtche Baartman. Sawtche Baartman wuchs im heutigen Südafrika auf und wurde aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa verschleppt, um dort als sogenannte „Hottentotten-Venus“ ausgestellt zu werden. Sie wurde die perfekte Projektionsfläche für weiße, männlich-exotistische Fantasien. Was dachten und empfanden die Zuschauer in Europa beim Anblick der Frau, die in einem Zoo-Käfig öffentlich ausgestellt wurde? Wer war diese Frau wirklich und wer war sie in ihrem eigenen Selbstverständnis? Ein spätes Opfer der Sklaverei? Eine selbstbestimmte Künstlerin? In seiner Inszenierung geht Martin Ambara über die biographische Auseinandersetzung hinaus, um die Frage nach dem Selbstverständnis der schwarzen Gesellschaft heute und die fehlende Auseinandersetzung mit dem Erbe der Kolonialzeit zu stellen.

Gastspiel des OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé



Melli Doris, Copyright The Mwaka Studio



Christian Etongo / Multikulti Project Association


An einem strukturell ähnlichen Punkt wie Ambara arbeitet der kamerunische Performancekünstler Christian Etongo, der traditionelle Mythen und Rituale performativ überschreibt, um eine Art „neuen (zentral-)afrikanischen Kulturbegriff“ zu begründen. Etongo gilt in Kamerun als Hauptvertreter der „Art Performance.“


The Rites of Purification: For a Better World

Mit einem traditionellen Ritual, welches seit 2011 als Basis seiner Arbeit dient, gelingen Etongo komplexe performative Aufstellungen im öffentlichen Raum, welche Fragen nach der verdrängten Schuld und den traumatischen gesellschaftlichen Trennungen an die Stadtgesellschaft stellen.

 „The "Tso" is a rite of purification of the Beti people of Cameroon, whose ritual consists in confronting the victims and their executioners, the executioners have the obligation to ask forgiveness, and the victims have the obligation to forgive . I use elements of the ritual to create and put humans in conditions of living together, without fear of "the other". I propose in the city of Mulheim to discuss with the inhabitants and to carry out an internal work to tell each one his history, to highlight the hidden wounds.“ (Etongo)

Die Arbeit ist prozessual angelegt. Christian Etongo geht mit in Mülheim ansässigen Migrant*innen und Geflüchteten aus afrikanischen Ländern gemeinsam auf die Suche nach Spuren von afrikanischen Traditionen und Ritualen in der Diaspora. In Kooperation mit Mitgliedern der Silent Universität und den Afromülheimers e.V.

Koproduktion mit Christian Etongo / Multikulti Project Association



Rabih Mroué


Der libanesische Theatermacher Rabih Mroué beschäftigt sich zumeist mit der politischen Situation im Libanon und im Nahen Osten und verbindet fiktive Texte und Dokumente. Mit der Vermischung von Fakten und Fiktionen als kompositorische Methode gelingt ihm ein künstlerischer Zugriff auf ansonsten schwer zu begreifende, erschütternde Ereignisse, zumeist geprägt durch seine Kindheit und Jugend im Bürgerkrieg. Mit seinen installativen Arbeiten war er auf der documenta 13 und Theater der Welt 2014 vertreten. Im Ringlokschuppen Ruhr trat er bereits im Rahmen des Impulse Theater Festivals 2015 auf.


Rima Kamel

In Rima Kamel verfolgt der Regisseur Rabih Mroué gemeinsam mit der libanesischen Sängerin Rima Khcheich die Spuren ihrer frühen Karriere als singender Kinderstar, die schon im Alter von neun Jahren unter dem Namen „Rima Kamel“ für ihre „Jahrhundertstimme“ gefeiert wurde. Die heute 42-Jährige stammt aus dem Süden des Libanon. Als dieser im Libanon-Feldzug von israelischen Streitkräften besetzt wurde, floh ihre Familie nach Beirut. In den 1980er-Jahren wurde sie am Rande ihrer Auftritte als "Stimme der Nation“ nach ihrer Herkunft und Fluchtgeschichte befragt und somit im politischen Kampf instrumentalisiert. Mroué zeigt anhand der besonderen Geschichte einer einzelnen Person, wie das Biografische immer auch von der kulturellen und politischen Lage eines Landes geprägt ist. Eng verbunden mit der Geschichte des Libanon zwischen Modernität und Tradition, wendet sich die erwachsene Rima Khcheich auf der Bühne ihrem kindlichen Ich zu, um die Bürden der Vergangenheit aufzudecken, die bis in die Gegenwart hineinragen.

Gastspiel der Münchener Kammerspiele



Amirhossein Mashaherifard


Mashaherifard ist ein in Israel geborener junger iranischer Künstler aus Teheran, der dort an der renommierten Soore Universität studierte und derzeit für verschiedene Projekte zwischen Deutschland und Iran pendelt. Eine der bemerkenswertesten Episoden der Truck Tracks Ruhr, die von Rimini Protokoll 2016 in Zusammenarbeit mit dem Ringlokschuppen Ruhr und Urbane Künste Ruhr auf die Reise geschickt wurden, stammt von ihm. In den vergangenen Jahren war er Mitglied des Studiengangs der Szenischen Forschung an der Ruhr-Universität Bochum und ist Mitbegründer des Performance-Kollektives tehran re:public.


Aftermath

2019 entstand Aftermath als interdisziplinäre Arbeit in Koproduktion mit dem Ringlokschuppen Ruhr. Aftermath erzählt von den Ereignissen im Leben, die alles verändern. Plötzliche, unabsehbare Wendepunkte, nach denen eine Rückkehr zum vorherigen Stand der Dinge nicht mehr möglich und die Auswirkungen für die Zukunft noch nicht absehbar sind. Biografien, Gesellschaften und selbst Geschichte sind danach nicht mehr dieselben. Der Augenblick als Momentum, das alles Vorangegangene für immer verändert. Sind diese Momente aufrufbar, manifestierbar in Gestalt von Gesten, Sprache, Körpern und Medien? Können wir uns des Potentials dieser Ereignishaftigkeit bemächtigen? Haben sie eine politische progressive Kraft oder eine genuin zerstörerische, traumatische Dimension? Mit Tanz, Sprache, Sound und Bild arbeitet das Stück an dem Phänomen dieser situativen Zwischenzeit und den langen Nachwirkungen ihrer erbarmungslosen Progression.

Produktion von Ringlokschuppen Ruhr



Amirhossein Mashaherifard, Aftermath