„UND WENN WIR (ES) MAL ZUSAMMEN PROBIEREN...?!“
RESIDENZEN DER SORGE // RESIDENCIES OF CARE




Ein künstlerbasiertes Forschungs-, Austausch- und Präsentationsnetzwerk von und für Künstler*innen der Freien Szene NRW in Kooperation mit dem tak Theater Aufbau Kreuzberg Berlin



Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Kunststiftung NRW im Jahr 2019 hat das kainkollektiv zusammen mit der Kunststiftung sowie dem tak Theater Aufbau Kreuzberg Berlin ein besonderes Jubiläums-Projekt ins Leben gerufen, das den Gedanken von Austausch und Vernetzung zwischen den Künstler*innen der Freien Szene(n) befördern soll. Es handelt sich um ein Residenzprogramm, das in den Räumen des tak Berlin verschiedene Künstler*innen der Freien Szene aus NRW dazu einlädt, an neuen Projekten und Ästhetiken zu forschen, sich untereinander zu vernetzen und die eigenen Arbeiten für das Berliner Publikum erfahrbar zu machen. Eine Werkstatt des Austauschs, des Diskurses und des ästhetischen Kennenlernens, ein langfristig ausgerichtetes modulares Künstler*innen-Camp.


In der ersten Ausgabe des Programms werden sechs der aktuell interessantesten Gruppen der Freien Szene NRWs – namentlich das fringe ensemble (Bonn), dorisdean (Bochum), kgi (Bochum/Mülheim), Overhead Project (Köln), Pascal Merighi & Thusnelda Mercy (Wuppertal) und kainkollektiv (Bochum/Berlin) – das Residenzprogramm zu einem Forschungs-Labor für Praktiken und Reflexionen der Selbst- und Für-Sorge machen. Dabei treffen die Gruppen in Zweier-Konstellationen aufeinander und entspinnen einen Diskurs der fürsorgenden, solidarischen Allianzen: Nur in der wechselseitigen „Sorge um sich/den Anderen“ kann die künstlerische Arbeit über eine Zukunftsvision entwickeln für die gemeinsame Kunst von morgen. Die Gruppen bringen daher auch ihre eigenen Ressourcen ins Spiel, um unterschiedliche Infrastrukturen, Arbeitspraxen, Netzwerke und Residenzorte von NRW über Berlin bis international miteinander zu verbinden.


Das Residenzprogramm will damit Vorschläge für neue, zeitgenössische Praxen der Kunst- und Theaterproduktion in einem Spirit erproben, der gegen die permanente (Selbst-)Konkurrierung die Idee des Solidarischen neu (er)findet – ähnlich wie dies im kollektiv-kollegialen Leitungsmodell der tak-Leitung aktuell versucht wird. Unter dem Titel „Und wenn wir (es) mal ZUSAMMEN probieren...?!“  laden wir alle, die sich für Fragen der zeitgenössischen Kunstproduktion und ihrem Verhältnis zu gesellschaftlichen Problemen interessieren, zu Gastspielen, Künstlergesprächen, Filmabenden, Lecture Performances und Werkstatt-Einblicken ein, die in loser Folge im nächsten halben Jahr im tak stattfinden werden. Am 26. & 27. September 2019 eröffnen zwei sich explizit der Zukunft Europas widmende Arbeiten von kainkollektiv und dem Bonner fringe ensemble das Residenzprogramm. In Werkstattgesprächen gehen die Künstler*innen beider Gruppen sowie der tak-Leitung den Fragen nach, was „Residenzen der Sorge“ sein können, wofür wir sie brauchen und wie ein Theater für die Zukunft Europas aussehen kann.



RESIDENZ #1: AN DEN RÄNDERN – Europas Krise/Zukunft (September 2019)

kainkollektiv & fringe ensemble

Die Residenz #1 bildet die Eröffnung des Programms im September im tak. Hierzu finden Gastspiele und Werkstatt-Gespräche mit den beteiligten Residenz-Gruppen kainkollektiv und fringe ensemble statt, die Einblicke insbesondere in ihre Theaterarbeit in verschiedenen europäischen Ländern geben werden. Für mehr Informationen hierzu siehe die Stückseiten zu WESTERN DREAMS & EASTERN PROMISES von kainkollektiv sowie ANZIEHUNGSKRÄFTE von fringe ensemble.



RESIDENZ #2: AUS DER REIHE – Politik & Arithmetik (Dezember 2019 - Januar 2020)

Merighi Mercy + Zora Snake & Overhead Project

Mit Fragen nach Repräsentation, Kolonialgeschichte und dem Verhältnis von Politik und Arithmetik, etwa der Bedeutung der Zahlen 1, 2 und 3 (Solo, Duo, Trio) im zeitgenössischen Tanz, treffen die ehemaligen Pina Bausch Tänzer*innen Pascal Merighi und Thusnelda Mercy aus Wuppertal sowie der kamerunische Tänzer und Choreograph Zora Snake auf die dem Verhältnis von Tanz und Zirkus nachforschenden Tänzer*innen von Overhead Project aus Köln, die aktuell mit einem Dance-Circus Festival im „TANZPAKT Stadt-Land-Bund“ gefördert sind. Beide Gruppen werden im Dezember 2019 und Januar 2020 in Gastspielen und mit öffentlichen Showings der Residenz ihre ästhetische Arbeit an Fragen der Macht, Politik und Repräsentation im Tanz in Solo-, Duo- und Trio-Performances präsentieren und damit einen praktischen Erfahrungsraum für die Konstellationen der/des Einzelnen zur Gesellschaft eröffnen – ganz im Sinne Hannah Arendts, die einmal konstatierte: „Die Pluralität, die sich am reinsten in der ins Unendliche sich fortsetzenden Zahlenreihe darstellt, ist ursprünglich nicht in der Vielheit der Dinge, sondern in der Bedürftigkeit des Menschen, der als Einer geboren den Zweiten braucht, um sich des Fortgangs in den Dritten, Vierten und so fort zu sichern.“



RESIDENZ #3: AUSSERHALB DER MITTE – Sorge & Inklusion (Januar/Februar 2020)

dorisdean & kgi

In den Arbeiten von dorisdean (Bochum) geht es seit jeher um die Arbeit von und mit höchst unterschiedlichen Körpern und Körpererfahrungen, verschiedenen Formen so genannter und gesellschaftlich markierter „Behinderungen“ und dem Versuch, diese Markierungen zu unterlaufen und in ihrer Gemachtheit sichtbar werden zu lassen. Die Gruppe kgi (Bochum/Mülheim) arbeitet an einer ähnlichen Fragestellung mit Blick auf soziale Klassen und Ein-/Ausschlüssen im sozialen Raum im Verhältnis zu nicht-/professionellen Theaterensembles und der Frage, wer heute wen auf einer Bühne repräsentiert. Beide Gruppen interessieren sich für die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Zuschreibungen, unter denen heute Körper, soziale Beziehungen oder auch die Formen der Kunstproduktion selbst gelesen werden. Es geht ihnen um die Möglichkeiten von Inklusionen, die nicht einer falschen Idee von Integration (in eine bestehende Norm) anhängen, sondern Autonomie und Akteur*innenschaft ermöglichen. Ihre Arbeiten bewegen sich außerhalb einer so oft heute heraufbeschworenen Mitte, die ihnen als falsche Arena der Versammlung erscheint. Wie können wir uns außerhalb der Mitte zusammenfinden ist eine Frage, die beide Gruppen auf unterschiedliche Weise erforschen mit Gastspielen im Januar/Februar 2020 für das tak-Publikum zur Diskussion stellen werden.

 
   

WESTERN DREAMS & EASTERN PROMISES – Der Film

Der in sieben europäischen Ländern zwischen Ost- und Westeuropa „on the road“ entstandene Musik-Theater-Kunst-Spiel-Film WESTERN DREAMS & EASTERN PROMISES von kainkollektiv & sputnic, der im tak seine Premiere feiern wird, leuchtet das Gesicht Europas zwischen Mythos und Realität bis in seine geographischen Tiefenschichten aus. Dabei entsteht ein doku-fiktionales Porträt zwischen Aufbruch und Apokalypse, das die Umrisse des alten Kontinents noch einmal nachzeichnet und den Versuch eines gigantischen Rück-Drehs der Europäischen Geschichte unternimmt, kurz bevor Europas Systeme kollabieren.

Im Anschluss an die Film-Premiere am 26.9. findet mit den Künstler*innen von kainkollektiv, sputnic, fringe ensemble und tak Theater Aufbau Kreuzberg unter dem Titel RESIDENZEN DER SORGE I: THEATER & EUROPA ein erster Residenz-Talk über Fragen von Kunst und Solidarität (in der Freien Szene Berlins & NRWs), Politiken der Sorge und das Theater der Zukunft (Europas) statt, das am folgenden Abend (27.9.) mit einem zweiten Residenz-Talk im Anschluss an die Produktion ANZIEHUNGSKRÄFTE von fringe ensemble seine Fortsetzung finden wird. Die Gespräche werden von dem Berliner Regisseur, Schauspieler und Performer Steffen Klewar (copy & waste) moderiert.


Die ursprüngliche Film-Theaterproduktion “WESTERN DREAMS & EASTERN PROMISES. Eine Road Movie Performance” ist eine Koproduktion von kainkollektiv & sputnic mit dem Schauspielhaus Bochum und dem Ringlokschuppen Ruhr Mülheim. Gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Kunststiftung NRW, die Spitzenförderung Theater NRW, die Rudolf Augstein Stiftung sowie die Stadt Bochum. www.kainkollektiv.de


Text: kainkollektiv



26./27. September 2019 im tak Theater Aufbau Kreuzberg:

Eröffnung des Residenzprogramms mit kainkollektiv und dem Bonner fringe ensemble


Vom Film- und Theaterprogramm bis zu Werkstattgesprächen: In der Auftaktveranstaltung gehen die Künstler*innen beider Gruppen der Frage nach, was „Residenzen der Sorge“ sein können, wofür wir sie brauchen und wie ein Theater für die Zukunft Europas aussehen kann.



Als Jubiläumsprojekt gefördert von der Kunststiftung NRW.




tak Programmheft