Anne-Mie Van Kerckhoven. "What would I do in Orbit?" | Museum Abteiberg, Mönchengladbach


 

Das Einwirken von Medialisierung und Digitalisierung, Technologie und Wissenschaft, Vorstellungswelten von künstlicher Intelligenz auf unser heutiges Ego ist sehr früh von der belgischen Künstlerin, Performerin und Musikerin Anne-Mie Van Kerckhoven (*1951) thematisiert worden. Rund 40 Jahre umfasst inzwischen ihr multimediales Werk, in dem Selbstbetrachtung, komplexe interdisziplinäre Theorien, alte Mystik und neue Forschungsfelder zusammenkommen.

 



Anne-Mie Van Kerckhoven, Attributen en Substantie, painting, 1993



Es geht um eine Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein des Menschen des 20. Jahrhunderts, das bereits sehr früh durch die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Informationen unterwandert und manipuliert wird, so dass die Gegenwart als etwas erscheint, was sie nicht ist. Es geht um das Un- und Unterbewussten, die Versenkung in das Innere des Denkens, in die Evolutionen dieses Denkens, ausgestülpt bzw. visualisiert durch Zeichnungen, Diagramme, bearbeitete Fotografien und Texte. Dabei wird eine allzu wenig bekannte Vorläuferschaft und Aktualität in der Ästhetik Van Kerckhovens sichtbar: Von Beginn an zeigt dieses Werk die parallele Existenz bzw. auch die Montagefähigkeit von analogen und digitalen künstlerischen Medien.

 

 


Anne-Mie Van Kerckhoven, Callas, painting, 1981



Die in Antwerpen lebende Künstlerin studierte in den 1970er Jahren Grafikdesign und beschäftigte sich parallel mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Theorien. Sie arbeitete dabei zunächst im Medium der Zeichnung – dem Medium, das sie damals mit dem Vorteil der leichten Kommunikationsfähigkeit und Multiplizierbarkeit/Verbreitung verband – und erweiterte es im Laufe der Jahre hin zu einem Instrument für multimediale, räumliche und filmische Darstellungen von Gedanken, Emotionen, Innenwelten. In den frühen 1980er Jahren begann eine intensive Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Luc Steels und dessen Institute for Artificial Intelligence (Brüssel, heute Paris), wodurch Bildsprachen bestimmend wurden, die durch wissenschaftliche Bildverfahren geprägt sind: Diagramm, zeichnerische Animation, Text-Bild-Schema.

 



Anne-Mie Van Kerckhoven, Our Stelliferous Era, Drawing, 2015



Der historische Beginn dieses künstlerischen Werks liegt in der Gegenkultur von Punk, Feminismus und einem generationstypischem Anti-Akademismus, der einerseits Pop- und Trash-Ästhetik, andererseits eine hochkomplexe Inhaltlichkeit und neue gedanklich-künstlerische Strukturen hervorbrachte:

„Zu dieser Zeit las ich gleichzeitig de Sade und Wittgenstein in Kombination mit Wissenschaftsmagazinen. Die Erklärung meiner Arbeit wurde zu einer zweiten Version meiner Arbeit. Und mein eigenes Gehirn wurde zum Gegenstand meiner Kunst. Die Impulse, die mich dazu brachten, Dinge zu tun, rückten ins Zentrum meines Interesses. Einfluss, Bestimmung, Schicksal, das Soziale, die Moral – alles, was das Handeln der Leute antreibt, wurde zu meiner Inspiration. Als Gegengewicht zu den Bildern begann ich damit, Bilder aus den Massenmedien zu verwenden. Ich sammelte jedes Magazin, das ich mir leisten konnte, und nutzte die ganze ‚Oberflächlichkeit’ dazu, um unter der Oberfläche nach Strukturen, Sparten und Systemen zu suchen.“
(aus: Anne-Mie Van Kerckhoven, Das Abstrakte ist keine sexuelle Stimulanz, 1995)

 



Anne-Mie Van Kerckhoven, Santo Santa, Painting, 1992

 
 
 

Das Werk von Anne-Mie Van Kerckhoven führt vom heutigen Phänomen exzessiver Selbstbetrachtung zurück in die unsicheren Zustände des Denkens, gewissermaßen ‚unter die Oberfläche’ unserer Ideal- und Wunschportraits. In Van Kerckhovens ‚futuristischer’ Perspektive der 1970er und 80er Jahre – trashigen, gebrochenen, dennoch auf eine ‚Zukunft’ gerichteten Bildern – ergibt  sich eine interessante Beziehung zum Zukunftsbild in gegenwärtigen künstlerischen Bild- und Textwelten.



Anne-Mie Van Kerckhoven, Savoir, Oser, Vouloir, Se Taire, Painting, 1992



Ausstellungsansicht, Foto: Uwe Riedel



Ausstellungsansicht, Foto: Uwe Riedel



Ausstellungsansicht, Foto: Uwe Riedel



Ausstellungsansicht, Foto: Uwe Riedel



Weitere Informationen finden Sie hier.


 

Ausstellungsdauer:
 
13.11.2016-26.2.2017 
Ort:
Städtisches Museum Abteiberg
Abteistr. 27
41061 Mönchengladbach