Andrea Robbins/Max Becher: Verlagerungen | Museum für Gegenwartskunst, Siegen


Seit fünfundzwanzig Jahren recherchieren und dokumentieren Andrea Robbins und Max Becher die Auswirkungen von Kolonialismus und Migration, von Tourismus und Massen-Kommunikation. Mit sozialkritischem Ansatz und den Mitteln der Dokumentarfotografie hinterfragen sie Konventionen und Traditionen. Dabei entstehen fotografische Serien, die ein bizarres Neben- und Miteinander – in den Worten der Künstler: Verschiebungen – von Menschen, Kulturen, Bräuchen, Gebäuden oder Orten vorstellen. 


Andrea Robbins/ Max Becher, Colonial Remains: Lutheran Church, 1991.


Die Bindung von Menschen, Kulturen, Orten ist heute in extremster Auflösung begriffen. Trotz Globalisierung und Digitalisierung möchte man aber immer noch annehmen, dass Kultur eine Verortung habe: einen Ort, an dem sie entstanden ist, an dem sie von Menschen gelebt und gestaltet wird. Die Geschichte kennt viele, oftmals widerstreitende Prozesse, in denen über einen Ort hinweg eine Kultur zur Projektionsfläche einer anderen wurde; Prozesse des beidseitigen Dialogs oder der einseitigen Beeinflussung bis hin zur Auslöschung der einen durch die andere.


Andrea Robbins/Max Becher, Black Cowboys: Kareem, Harlem, NY.


Im Fokus der Ausstellung steht die Fotogruppe „Black Cowboys“ (2008-2016), mit der sich Robbins und Becher einem bisher eher unbekannten Phänomen des „Wilden Westens”, dem schwarzen Cowboy widmen. Während das Bild des Cowboys vor allem von der Filmindustrie Hollywoods geprägt ist, die den weißen Revolverhelden stilisiert hat, waren in der harten Arbeitswelt des 19. Jahrhundert ein Drittel der „Kuhjungen“ schwarz. Während der Rassentrennung in den USA waren schwarze Cowboys von Rodeos ausgeschlossen, was zu einer eigenständigen schwarzen Rodeokultur führte. Bis heute ist diese Kultur sehr lebendig, aber sowohl der amerikanischen als auch der restlichen Weltöffentlichkeit weitestgehend unbekannt.


Andrea Robbins/ Max Becher, 770: Original 770, Eastern Parkway Brooklyn, New York; Kfar Chabad, Near Tel Aviv, Israel; Melbourne, Australia.


Im Gegensatz dazu zeugen die Fotografien von „770“ (2005/2014) von einer subtilen Kolonialisierung, fast wie eine Art Franchiseunternehmen: die Lubavitcher, eine streng orthodoxe Gruppe chassidischer Juden, bauen überall auf der Welt – manchmal in abgewandelter Form – ihr ursprüngliches Gemeindehaus in Brooklyn nach. So finden wir das New Yorker Gebäude in Jerusalem oder São Paulo wieder.  


Andrea Robbins/ Max Becher, Colonial Remains: Herero Day #1.


Die in der Siegener Ausstellung „Verlagerungen“ gezeigten 12 Fotoserien von Robbins & Becher geben einen guten Überblick über das Schaffen der beiden Künstler aus den letzten 25 Jahre. Für das Museum für Gegenwartskunst ist die Ausstellung ein wichtiger Baustein in der Entwicklung eines besonderen thematischen Schwerpunkts: das Ausstellen und Sammeln von konzeptueller, projektorientierter Fotografie, die oft Fragen der regionalen Verankerung in einer globalen Welt behandelt.


Allgemeine Informationen: Museum für Gegenwartskunst, Siegen