Nadia Kaabi-Linke im Kunstmuseum Bonn


Nadia Kaabi-Linke, No, 2012, Zwei-Kanal- Videoinstallation, 4’12", Paolo Costa, 2014; © Nadia Kaabi-Linke



Städte, spezifische Orte, Gebäude oder historische Ereignisse bilden Bezugspunkte für Nadia Kaabi-Linke, denen die Künstlerin in Zeichnungen, skulpturalen Objekten, Malereien und Installationen nachgeht. 1978 geboren und aufgewachsen in Tunis, Kiew und Dubai mit Stationen in Paris und Berlin, wo sie derzeit lebt und arbeitet, wurde Nadia Kaabi-Linkes Blick von verschiedenen Kulturkreisen geprägt. Das Gespräch mit der Künstlerin beleuchtet einzelne Facetten in Nadia Kaabi-Linkes Ausstellung „Versiegelte Zeit“: es ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland, die von der Kunststiftung NRW gefördert wurde.



Im Gespräch mit der Künstlerin Nadia Kaabi-Linke



Christina Irrgang: Nadia Kaabi-Linke, Sie arbeiten mit Spuren, die Sie sammeln und abbilden: mal als direkter Übertrag, als Frottage, oder aber symbolisch, wie bei der sich über zwei Wände erstreckenden Zeichnung „Bonner Mythologien“ (2017), deren Formensprache in Bezug zu Staub und Spinnweben der Kellerräume des Bonner Amtsgerichts steht. Dieser Ort diente zwischen 1938 und 1945 als Außenstelle der Gestapo, wo Menschen gefoltert wurden.

Wie brechen Sie die „versiegelte Zeit“ in Ihrem Werk auf?


Nadia Kaabi-Linke: Wir hatten Glück, dass die Leitung des Amtsgerichts so freundlich war, uns die Türen zu öffnen und uns Zugang zu dem Archivkeller zu gewähren. Es ist ein tolles Erlebnis, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine Sensibilität haben für solch abstrakte Fragen wie Zeit, unseren Umgang mit Zeit – und wie die Zeit uns im Griff hat. Man betritt das Kellergewölbe und nimmt zunächst nur die Fülle von Aktenordnern wahr, dann, sobald man sich den Regalen nähert, bemerkt man die vielen Spinnweben, die für mich ein untrügliches Zeichen von vergehender Zeit sind. Erst dann kann es passieren, dass einem die Stahlgittertüren auffallen. Man schaut sich als nächstes den Schnitt der Kellerräume etwas genauer an und mit etwas Vorstellungskraft lässt sich schließlich nachvollziehen, wie der Keller vor achtzig Jahren ausgesehen haben mag. Man findet sich jetzt nicht mehr in einem Aktenarchiv wieder, sondern in einem Kerker. Mein Gefühl war, dass sich der Fortgang bürokratischer Notwendigkeiten (Umnutzung des Kellers als Amtsgerichtarchiv) und die Banalität des Stuben- und Kelleralltags (das Kellergeflecht des Weberknechts) unvermeidbar vor die Grauen der Vergangenheit schieben, bis diese zur Unkenntlichkeit gezähmt und geglättet werden. Am Ende erinnert an all das nur noch eine Gedenktafel, die niemanden mehr stört oder irritiert: Nein, man muss in den Keller hinabsteigen, und dort auf Spinnenweben und Gitter aufmerksam werden, um mit der Geschichte dieses Ortes wieder in Kontakt zu kommen. Ich denke, dieses Gefühl ist genau das, was wir mit den Mitarbeitern des Amtsgerichts geteilt haben und vielleicht war das auch der Grund, weshalb wir dort auf so viel Verständnis trafen. Es ist eher so, dass man die Zeit an sich heranlässt, und zwar näher, als man dies sonst für „anständig“ halten würde. Dabei habe ich nie die Kontrolle darüber, was passiert. Das Sinnbild vom gebrochenen Siegel, das Sie oben angeführt haben, passt hier wohl ganz gut, denn wie ein aufgebrochenes Siegel lassen sich auch solche Erfahrungen von Vergangenem, die – obwohl aus Sinnen und Gedenken verschwunden – noch irgendwie präsent geblieben sind, nicht mehr ungeschehen machen. Wenn man einmal mit der Vergangenheit eines Ortes in Kontakt gekommen ist, dann wird es fortan unmöglich, diesen Ort von seiner Geschichte zu lösen.



Nadia Kaabi-Linke, Bonner Mythologien, Pastellfarbe auf Wand, 2017 © Nadia Kaabi-Linke, Foto: Riccarda Hessling



Nadia Kaabi-Linke, Bonner Mythologien, Pastellfarbe auf Wand, 2017 © Nadia Kaabi-Linke, Foto: Riccarda Hessling



Christina Irrgang: In der Gemäldeserie „Color of Time“ (2014-2017) verschwimmen die monochromen Bildflächen mit den Erzählungen des dem jeweiligen Bild zugeordneten Hörstücks. Die abstrakten Malereien werden zu Synonymen, ja sinnbildhaften Körper des Erinnerns: von lokalen Geschichten, individuellen Mythologien oder politischen Ereignissen.

Welche Bedeutung erhalten Sprache und Identität in Ihrem Werk?


Nadia Kaabi-Linke: Sprachen gehören seit jeher zu meinem Leben. Ich bin aufgewachsen in Tunesien, wo man Arabisch und Französisch spricht, doch meine Muttersprache war Russisch. Durch den Empfang des italienischen Fernsehens lernten wir in Tunesien auch Italienisch. Später zogen wir in die Emirate, wo ich eine englischsprachige Schule besuchte. Durch meinen Mann, den ich in Paris kennengelernt habe, kam noch Deutsch hinzu – die erste Sprache, die mich etwas durcheinander gebracht hat. Jetzt lerne ich Ukrainisch, weil das wohl meine eigentliche Muttersprache ist. Also rein biografisch gesehen, sollten Sprache und Identität für mich persönlich ganz verschiedene und voneinander getrennte Dinge darstellen. Doch man kann die Sache auch anders sehen, denn nach meinem Bauchgefühl würde ich heute sagen, dass gerade diese bestimmte Konfiguration von Unterschieden etwas ausmacht, was man Identität nennen könnte. Ich meine damit eher eine gefühlte, und nicht fremd zugeschriebene Identität – die so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was die sogenannten Identitären gegenwärtig propagieren. Es ist eine Identität, die weder durch Anschuldigungen noch durch Diskriminierungen, sondern durch kulturelle Vielfalt und Austausch zustande kommt.

Hier gibt es in der Tat eine gewisse Analogie zu „Color of Time“, denn in dieser Serie geht es auch darum, dass historische und materielle Unterschiede eine bestimmte Identität hervorbringen, die aber umgekehrt nicht die vielen kleinen Unterschiede auflöst. Die vermeintlichen Monochrome werden aus Farb- und Putzresten hergestellt, die an den verschiedenen Orten gesammelt wurden. Man kann an diesen Resten von den Innenraumwänden, also an den von Menschen belebten und bewohnten Räumen, noch erkennen, wie sich die verschiedenen historischen Episoden eines Gebäudes in den nacheinander aufgetragenen Farbschichten widerspiegeln. Mich erinnert das an die Jahresringe der Dendrochronologie: Schicht für Schicht kann man die aufeinanderfolgenden Phasen der Geschichte eines Hauses ablesen. Oft handelt es sich um Neuanstriche, die im Zuge einer Umnutzung der Gebäude aufgetragen wurden – als wollte man einen Bruch mit dem Vergangenen machen. In der anschließenden Verarbeitung werden die gesammelten Farbreste eines Zimmers dann brutal miteinander vermischt, sie werden zerdrückt und zermahlen, bis ein mehr oder weniger einheitlich erscheinendes Pulver entsteht, das all diese Unterschiede wieder aufzuheben scheint. Das Resultat ist schließlich ein chromatisches Datum, das man wie die Jahresringe eines Baumes, einen Fingerabdruck oder die Iris eines Auges als historische Identität eines bestimmten Gebäudes auffassen könnte. Diesen ganzen Prozess könnte man dann in der Tat als ein Sinnbild für den komplizierten Prozess des Erinnerns, in dem alles miteinander verschwimmen kann, sehen. So entsteht Identität als abstraktes, forensisches Datenmaterial, in dem die eigentlichen identitätsstiftenden Merkmale (die verschiedenen historischen Etappen eines Ortes) gar nicht mehr erkennbar sind. Auf Distanz gesehen, erscheinen die einzelnen Bilder der Serie wie grob oder fein voneinander abgestufte Farbtöne. Doch je näher man an ein Bild herangeht, desto deutlicher wird, dass man es nicht auf die mit Abstand erkannte Farbe reduzieren kann. Denn das auf den distanzierten Blick erscheinende Monochrom ertrinkt mit zunehmender Nähe in der Vielfalt seiner Farbnuancen. Ein extremer Close up würde es schwierig machen, zu entscheiden, ob es sich um ein Monochrom vom Oscar-Romero-Haus oder von der Haveli in Ahmedabad handelt. Eindeutige Identitätszuweisungen – und das ist hier aufgrund der farbigen Partikel gar nicht so anders, als in Sprache und gesellschaftlicher Wirklichkeit – lassen sich eben nicht mehr so einfach machen, wenn man die Sachen etwas genauer ansieht.



Nadia Kaabi-Linke,Color of Time, 2014–2017, Monochromserie mit Audioguides, 12 x 51,5 x 50 cm; Courtesy: Experimenter Kolkata; Foto: Vivian Sarky



Christina Irrgang: Als Teil der Ausstellung befindet sich vorangestellt in der Rotunde des Museums die Video-Installation „No“ (2010), welche Migration und behördliche Einreiseverfahren mit religiösen Riten und Gesängen verknüpft. Das Anonyme trifft auf das Individuelle.

Inwiefern bilden Kontrolle und Freiheit des Menschen Leitfäden in Ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Bonn?


Nadia Kaabi-Linke: Ich denke, jede Auseinandersetzung mit Geschichte und der Frage, wie das Vergangene und dessen oft politisch umkämpfte Repräsentationsformen auf gegenwärtige Prozesse einwirken können, führt immer auch die Frage nach Freiheit und Kontrolle mit sich. Allerdings weiß ich nicht, ob es sich lohnt, diese Begriffe als Gegensatzpaare oder Dualismus zu verstehen. Das führt dann schnell zu regierungsfreundlichen oder neoliberalen Konstrukten, die in der Freiheit zur Selbstkontrolle ihre Pointe haben. Bei „No“ geht es eher um eine Form von bürokratischer Herrschaft, denn die in der Videoinstallation erzwungene Ritualisierung des Einreiseantragsformulars soll ja deutlich machen, dass die sogenannte Grenzkontrollbehörde hier gar nichts kontrolliert. Sie will ja nur ausschließen, dass der Antragsteller ein Terrorist, Massenmörder, Kriegsverbrecher oder – ja, im Ernst – Verkehrssünder sein könnte. Natürlich gibt es keinerlei Kontrolle darüber, dass der Befragte wahrhaftig auf die Fragen der Behörde antwortet. Dennoch wird dieses Negativbekenntnis von A bis Z durchgezogen und der Anschein von Kontrolle erweckt. Mehr als die Kontrollmechanismen, interessiert mich hier dieses bürokratische Ritual, durch das der Eindruck von Kontrolle erweckt werden soll. Es verrät dadurch aber nur, dass so etwas wie absolute Kontrolle gar nicht herzustellen ist.

Ursprünglich verweist das Wort Kontrolle – ich glaube, es kommt aus dem Französischen – auf einen eher dynamischen Begriff. Der Ausdruck „contrôle“ ist wohl eine Verkürzung von „contre-rôle“, womit also ein Gegenüber, eine Gegenrolle oder ein Widerstand gemeint ist. So könnte man ein Parlament als „Kontrollgremium“ einer Regierung betrachten, was ja auch Sinn machen würde, wenn man die Kontrolle als Mittel der Freiheitssicherung betrachten will. Freiheit und Kontrolle widersprechen einander hier also nicht. In diesem Sinne spielen Freiheit und Kontrolle in meiner Arbeit eine doppelte Rolle. Zunächst einmal praktisch, denn zu viel bewusste Kontrolle führt nie zu einem guten Ergebnis. Lässt man sich aber ein bisschen gehen und lehnt sich etwas zurück, so dass man sich von Material und äußeren Umständen (und manchmal auch von der eigenen Ungeschicklichkeit) überraschen, leiten und ein bisschen „kontrollieren“ lässt, dann passiert oft etwas Interessantes, auf das man aufbauen kann: Gelassenheit schmiert die Konstruktion.

Einen weiteren Sinn von Freiheit und Kontrolle in Bezug auf meine Arbeiten sehe ich im Bereich der Bedeutungsproduktion. Mir geht es – nicht immer, aber oft – darum, Werke zu machen, die Materialen und ihre Gebrauchsweisen und Bedeutungen gegeneinander so ausspielen, dass ein neuer Sinn entsteht. Bei „Parkverbot (Köpenick)“ wurden Taubenschutzleisten auf eine Parkbank montiert, so dass niemand sich darauf niederlassen kann. Als ich die Arbeit im Jahr 2010 zum ersten Mal zeigte, stand für mich der Wahnsinn einer Leistungsgesellschaft, die Umkehrung von Tier und Mensch und auch das Thema Raubkunst im Vordergrund. Im Jahr 2018 wurde die Arbeit dann aber ganz anders wahrgenommen. Viele Besucher der Ausstellung im Kunstmuseum Bonn fühlten sich an die Grenzen und das Scheitern der Willkommenskultur erinnert. Das Werk scheint jetzt eine ganz neue Bedeutung bekommen zu haben. Es ist sehr spannend zu sehen, wie sich so etwas entwickelt und die Dinge als Bedeutungsträger eine gewisse Eigenständigkeit erlangen. So etwas kann man weder provozieren, noch kontrollieren.



Nadia Kaabi-Linke, Parkverbot , 2010, Bank mit Stacheln (Chrom, Holz, Eisen, Stahl), 92cm × 200cm × 84cm; Courtesy Samdani Art Foundation Dhaka (Bangladesh); © Nadia Kaabi-Linke, Foto: Uwe Walther



Die Ausstellung lief vom 26. Oktober 2017 bis zum 28. Januar 2018 im Kunstmuseum Bonn.