Anders Wohnen
Entwürfe für Haus Lange Haus Esters, Krefeld


Haus Lange, Gartenseite, Foto: Volker Döhne                        Haus Esters, Krefeld Gartenseite. Foto: Volker Döhne



Wie wollen wir wohnen, wie können und müssen wir wohnen, heute und in der Zukunft? Welche Formen des Zusammenlebens sind denkbar? Welche Möglichkeiten, Hoffnungen und Ängste verbinden sich mit der globalisierten, mobilen, digitalen Gesellschaft? Für das ganzjährige Projekt "Anders Wohnen" haben die Kunstmuseen Krefeld 16 internationale Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen eingeladen, für die Häuser Lange und Esters alternative Wohn- und Lebensmodelle zu entwickeln. Zugleich verwandeln sich die Villen in ein lebendiges Dialogforum für aktive Teilnahme.


Der Start des Projekts markiert gleichzeitig die Wiedereröffnung der Häuser Lange und Esters, die in den letzten beiden Jahren umfassend saniert wurden. Als einmaliges Ensemble des modernen Bauens geben die beiden denkmalgeschützten Villen den Anstoß für interdisziplinäres Denken und praktisches Gestalten – Ansätze, wie sie das Bauhaus in den 1920er-Jahren als gesellschaftliche Vision formuliert hat. Wohnungen und Häuser sagen viel über die Beschaffenheit einer Gesellschaft aus. Als Ludwig Mies van der Rohe, letzter Direktor des Bauhauses, Ende der 1920er-Jahre die Häuser Lange und Esters entwarf und gemeinsam mit Lilly Reich als Gesamtkunstwerk gestaltete, versuchte er hier bereits die Utopie eines modernen Wohnens zu realisieren. Mit der Einladung an Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen, ortsbezogene Arbeiten für die Villen zu entwickeln, richtet das Projekt "Anders Wohnen" den Blick auf das gemeinschaftliche Leben von morgen – Zukunftsvisionen, entstanden aus einer kritischen Betrachtung unserer heutigen Wirklichkeit. Über fast ein Jahr hinweg ergänzen sich unterschiedliche Aspekte und Kapitel zu einer großen Inszenierung. In drei Ausstellungen werden utopische, dystopische und mobile Wohn- und Lebensentwürfe zur Diskussion gestellt. Ein umfangreiches Programm aus Augmented Reality, Vorträgen, Filmabenden, Offener Lehre, FabLabs, Performances und vielem mehr rückt die Architektur der frisch sanierten Häuser in den Blick, konfrontiert die historische Wohnkultur der 1920er- und 1930er-Jahre mit Fragen nach der heutigen Wohnsituation, nach den Möglichkeiten und Herausforderungen neuer Technologien. „Wir schaffen ein Forum, das unsere Besucherinnen und Besucher in ein vielfältiges Geschehen einbindet und jedem die Möglichkeit gibt, sich mit zukünftigen Wohnformen und visionären Lebensmodellen auseinanderzusetzen“, so Museumsdirektorin Katia Baudin.



Das Projekt "Anders Wohnen" wird von der Kunststiftung NRW gefördert und ist Teil des nationalen Verbundprojekts Bauhaus 100.



Haus Lange, Krefeld Esszimmer Foto: Volker Döhne © VG Bild-Kunst, Bonn 2019




Prolog: Mixed Reality

17.03. – 14.04.2019 Haus Lange


Mit den Mitteln der Augmented Reality werden Einblicke in die Wohnsituation der 1930er-Jahre ermöglicht, die das visionäre Wohnkonzept von Ludwig Mies van der Rohe zeigen.



Architektur als lebendiger Körper

17.3.2019 – 26.01.2020 Haus Lange


Die Villen Lange und Esters, die seit 1955 bzw. 1981 von den Kunstmuseen Krefeld als Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst genutzt werden, haben in ihrer Struktur, Materialität und Nutzung immer wieder Veränderungen durchlebt. In zwei Räumen spiegeln sich diese Wandlungen in Dokumenten, Fotografien, Plänen, Modellen und vielem mehr.



Dialog: Partizipation und Wissenschaft

17.03. – 18.08.2019 Haus Esters


Das Thema ANDERS WOHNEN wird in einem Crossover von Kunst, Design und Architektur diskutiert, gelehrt, vorgetragen, performt und vorgeführt. Die Künstlergruppe Raumlabor strukturiert Haus Esters durch eine modulare Möblierung und verleiht ihm eine neue Wohnqualität, die auch zum Verweilen einlädt.



Ausstellung: Akt 1 Utopie

05.05.2019 – 26.01.2020 Haus Lange


Im Mai 2019 setzt die Trilogie UTOPIE – MOBILITÄT – DYSTOPIE mit der ersten Ausstellung in Haus Lange ein. Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen realisieren für die Räume der Villa neue Wohnkonzepte und entwickeln visionäre Ideen des Zusammenlebens, frei von tatsächlichen sozialen wie auch materiellen Vorgaben.



Ausstellung: Akt 2 Mobilität

07.07.2019 – 26.01.2020 Gärten Haus Lange Haus Esters


Im Juli 2019 wird das Ausstellungsformat in den Außenraum der beiden Häuser ausgeweitet, für deren Gärten neue Installationen entwickelt werden. Als besonderes Highlight verwandelt die Künstlerin Andrea Zittel das ehemalige Gartenhaus der Familie Esters in ein Café.



Ausstellung: Akt 3 Dystopie

15.09.2018 – 26.01.2020 Haus Esters


Im September werden die utopischen Entwürfe, die in Haus Lange gezeigt werden, mit dystopischen Ansätzen in Haus Esters beantwortet und ergänzt. So entsteht ein Dialog zwischen den beiden Häusern, der aus unterschiedlichen Blickwinkeln Möglichkeiten, Träume und Albträume eines zukünftigen Zusammenlebens thematisiert.



Epilog: Bauhaus heute und morgen leben

01.2020


Ein fulminantes Bauhausfest wird Akteure und Besucher*innen nochmals zusammenbringen.



Haus Lange, Krefeld Küche mit originaler Ausstattung Foto: Volker Döhne © VG BILD KUNST BONN



Künstler*innen, Designer*innen, Architekt*innen:


Banz & Bowinkel, BLESS, Franck Bragigand, Dunne & Raby, Didier Faustino, Michal Helfman, Tamara Henderson, Olaf Holzapfel, Christopher Kulendran Thomas, Laura Lima, Christodoulos Panayiotou, Raumlabor, Andreas Schmitten, Slavs and Tatars, Apolonija Šušteršič, Andrea Zittel



Kuratorinnen:


Katia Baudin, Dr. Magdalena Holzhey, Dr. Sylvia Martin



Projektmanagement: Julia Reich


 


Text: Kunstmuseen Krefeld


Haus Lange Haus Esters
Wilhelmshofallee 91–97
47800 Krefeld



Haus Lange, Krefeld Westansicht. Foto: Volker Döhne



Haus Esters, Krefeld Terrassenbereich, Gartenseite, Süden. Foto: Volker Döhne



Archive of Impossible Objects: Section 003 - Other Worlds © Dunne & Raby, 2019



Das Projekt "Anders Wohnen. Entwürfe für Haus Lange Haus Esters", das die Kunstmuseen Krefeld anlässlich von 100 Jahre Bauhaus entwickelt haben, erreicht die nächste Phase. Am 5. Mai wird die erste von drei Ausstellungen eröffnet. Zu dem Stichwort Utopie haben sieben der insgesamt sechzehn beteiligten Künstler*innen, Architekt*innen und Designer*innen neue Werke für das Haus Lange realisiert. Aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der digitalen, globalen Gesellschaft und mit Blick auf aktuelle Herausforderungen wie Ressourcenknappheit oder Wohnungsmangel entstanden alternative Wohn- und Lebensmodelle. Die moderne Architektur von Ludwig Mies van der Rohe steht dabei als gebaute Utopie im Dialog mit den Installationen und Werken.


Akt 1: Utopie – Teilnehmer*innen: BLESS, Franck Bragigand, Dunne & Raby, Olaf Holzapfel, Andreas Schmitten, Apolonija Šušteršič, Christopher Kulendran Thomas



Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969) hat mit den Häusern Lange und Esters Ende der 1920er-Jahre einem neuen, modernen Lebensgefühl eine entsprechende Architektur gegeben. Seine Villen waren für eine wohlhabende Gesellschaftsschicht bestimmt, die sich den Visionen der Moderne verschrieben hatte. Vielerorts sollten aber auch Siedlungskomplexe, die im Stil des Neuen Bauens errichtet wurden, durch ihre klare Struktur und funktionelle Einrichtung eine bessere Gesellschaft hervorbringen. „Die privaten Häuser Lange und Esters als Zeitzeugen des Neuen Bauens der zwanziger Jahre sind daher besonders geeignet für ein Nachdenken über zukünftiges Wohnen und Leben“, so Katia Baudin, Direktorin der Kunstmuseen Krefeld, die zusammen mit Dr. Magdalena Holzhey und Dr. Sylvia Martin das Großprojekt Anders Wohnen kuratiert.

Wohnen, Häuser, gemeinsame Lebensformen waren schon immer Teil utopischen Denkens. Der englische Gelehrte und Diplomat Thomas Morus (1478-1535) hatte in seiner bereits 1516 geschriebenen "Utopia" Privateigentum gänzlich abgeschafft und Häuser zum Allgemeingut erklärt. Der Häuserwechsel war ein anderes Modell, um die Vorstellung von einer idealen Gemeinschaft, die ohne Privateigentum auskommt, konkret werden zu lassen.

Utopien sind Ideen, ein visionärer Blick in eine fiktive Welt, die ihre eigene Zeit und ihren eigenen Ort hat. Vor allem funktionieren sie als Kritik an den jeweils aktuell bestehenden Verhältnissen einer Gesellschaft. Utopien sind Gedankenexperimente, die durch Künstler*innen, Architekt*innen und Designer*innen Gestalt annehmen können. Unsere heutige Weltgesellschaft bietet reichlich Nahrung für eine kritisch-reflektierende Haltung: von der Ausbeutung der Ressourcen über den Klimawandel bis hin zur Überbevölkerung, Wohnungsnot und zu den Herausforderungen des digitalen Zeitalters.



Die Projekte:


Das Designstudio BLESS (Désirée Heiss, *1971, lebt in Paris, Ines Kaag, *1970, lebt in Berlin) entwirft in Auseinandersetzung mit Mies van der Rohes besonderer Materialsprache Objekte zwischen Koffer und Möbelstück. Der französiche Künstler Franck Bragigand (*1971, lebt in Amsterdam) verleiht abgelegten und vor Ort gefundenen Möbeln und Alltagsgegenständen durch ein Raum- und Farbkonzept neues Leben und befragt somit kritisch menschliche Produktion in Zeiten materiellen Überflusses. Das Designerduo Dunne & Raby (Anthony Dunne, *1964, Fiona Raby, *1963, leben in London) kreieren gleich ganz neue, fiktiv-geografische Weltmodelle in Form von Globen, die im häuslichen Ambiente zu einem Perspektivwechsel auffordern. Die raumgreifende Installation des Künstlers Olaf Holzapfel (*1969, lebt in Berlin) thematisiert gerade die Abgrenzung von öffentlichem und privatem Raum in unserer heutigen digitalen Einheitszone, in der sich das Verhältnis von Kollektiv und Individuum neu definiert. Der Bildhauer Andreas Schmitten (*1980, lebt in Düsseldorf) stellt alternative Gestaltungsmodelle der Hausfassaden und –gärten von Esters und Lange zur Diskussion, die im 2. Akt: Mobilität teilweise umgesetzt werden. Die slovenische Architektin und Künstlerin Apolonija Šušteršič (*1965, lebt in Lund und Ljubljana) thematisiert das Erbe des Neuen Bauens im sozialen Wohnungsbau und wird im Laufe des Projekts ihre Recherchen konkret im Krefelder Stadtraum umsetzen. Der britische Künstler Christopher Kulendran Thomas (*1979, lebt in London) entwirft in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Annika Kuhlmann ein Modell gemeinschaftlichen Wohneigentums, das nach dem Prinzip des car- sharing flexibles Wohnen zum Flatrate-Preis überall auf der Welt ermöglichen soll.


Text: Kunstmuseen Krefeld



Eröffnung am 5. Mai 2019 um 11.30 Uhr

Ausstellungsdauer: 5. Mai 2019 bis 26. Januar 2020



Außenansicht Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld, Foto: Dirk Rose