Anna Oppermann, Kunsthalle Bielefeld


Anna Oppermann, Künstler sein (Zeichen nach der Natur, zum Beispiel Lindenblütenblätter), Installationsansicht documenta 6, 1977, © Nachlass Anna Oppermann, Galerie Barbara Thumm, Berlin. Courtesy: Sparkassenstiftung für Kunst und Wissenschaft / Museum Abteiberg, Mönchengladbach



Die Kunsthalle Bielefeld zeigt vom 23. März bis zum 28. Juli 2019 eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin Anna Oppermann (1940 – 1993). Zentrum der Ausstellung ist das umfangreiche Ensemble "Künstler sein (Zeichnen nach der Natur, zum Beispiel Lindenblätter)", eines der Hauptwerke Anna Oppermanns, das 1977 auf der documenta 6 in Kassel gezeigt wurde. Das Werk steht programmatisch für das Selbstverständnis einer neuen Künstlergeneration in den 1960er- und 1970er-Jahren, die Grenzen inhaltlich und formal in vielerlei Richtungen aufzubrechen suchte. Anna Oppermanns Kunst artikuliert den Anspruch, gleichberechtigt als Künstlerin neben ihren männlichen Kollegen wahrgenommen zu werden. Ihre "Ensembles", wie Anna Oppermann ihre Installationen nannte, stellen ihre Betrachter*innen vor Herausforderungen. Sie bestehen aus einer unübersichtlichen Vielzahl von sorgfältig angeordneten Einzelteilen: Gegenstände, Fotos, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Selbstgeschriebenes, Abgeschriebenes, Zettel, Fotos von den Zeichnungen und immer wieder Fotos von vorherigen Zuständen des Ensembles. Sie setzen engagierte, teilnehmende Betrachter*innen voraus, die sich ihres eigenen Sehens bewusst sind und die permanenten Widersprüchlichkeiten aushalten. "Künstler sein" ist das an Bildelementen umfangreichste Werk Anna Oppermanns. Es wuchert mit mehr als tausend Einzelteilen förmlich in den Raum und ist visuell als Ganzes gar nicht zu erfassen, weil die Betrachtenden immer zwischen Nähe und Distanz hin- und hergerissen sind.


Ein weiterer Fokus der Ausstellung liegt auf dem Frühwerk von Anna Oppermann, das erstmals im musealen Kontext präsentiert wird. Zu Beginn ihrer künstlerischen Karriere arbeitet Anna Oppermann mit dem klassischen Tafelbildformat, in dem sie komplexe Raumsituationen darstellt. In stilllebenartigen Arrangements und Interieurs tauchen bereits hier ihre Leitmotive auf. Der Schritt von der zweidimensionalen Fläche in den dreidimensionalen Raum ist bereits früh im Werk angelegt und kann in der Ausstellung als konsequente Entscheidung nachvollzogen werden.
Das Frühwerk Anna Oppermanns besteht neben zahlreichen Zeichnungen auf Papier und Karton aus Blei- und Buntstiftzeichnungen mit Collageelementen auf Hartfaserplatten, die in ihrer Motivik und Farbigkeit Einflüsse von Dada, Surrealismus und Pop Art aufweisen. Zwischen ca. 1965 und 1968 arbeitet Oppermann an Bildwelten, die zum einen die knallige Farbigkeit und die bunte Jugend- und Konsumkultur der Pop Art zitieren und zum anderen eine eindeutige Nähe zu den Traum- und Fantasielandschaften der Surrealisten herstellen. Thematisch orientiert sich Anna Oppermann an gesellschaftspolitischen Fragen, vornehmlich der Gleichberechtigung von Mann und Frau, individuellen Ängsten und sozialen Erwartungen. Diese Themen führt sie in den ab Mitte der 1960er-Jahre entstehenden Ensembles weiter aus – hinsichtlich einer Befragung der ökonomischen Situation von Künstlerinnen, deren schwieriger Position in einem männerdominierten Umfeld sowie der kritischen Auseinandersetzung mit den Bedingungen, Voraussetzungen und Mechanismen des Kunstmarktes. Der eigene Status als Frau, Mutter und Künstlerin ist dabei Ausgangspunkt für die Betrachtung allgemeiner gesellschaftlicher Strukturen.



Anna Oppermann wurde im Jahr 1940 in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Sie starb bereits 1993 in Celle in Niedersachsen. Von 1962 bis 1968 studierte Anna Oppermann an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg Malerei, Grafik und Kunsterziehung und parallel dazu an der Universität Hamburg Philosophie. Sie war Teilnehmerin der documeta 6 (1977) und 8 (1987) in Kassel und der Biennale in Sydney (1984). Werke von Anna Oppermann befinden sich in zahlreichen öffentlichen Sammlungen, u.a. der Hamburger Kunsthalle und dem Museum Abteiberg in Mönchengladbach.


Kurator*in: Meta Marina Beeck und Dr. Friedrich Meschede

Text: Kunsthalle Bielefeld



Anna Oppermann, Frühwerk – Nr. 155, 1970, (Galerie Archiv Nr. AOp-70-0090), Buntstift auf Hartfaserplatte, 150 x 122 cm. Courtesy Nachlass Anna Oppermann und Galerie Barbara Thumm                                       Anna Oppermann, Frühwerk – Nr. 370, ca. 1965/1968, (Galerie Archiv Nr.: AOp-68-0083), Mischtechnik auf Hartfaserplatte, 101,3 x 100 cm. Courtesy Nachlass Anna Oppermann und Galerie Barbara Thumm