Lucas Blalock, Museum Kurhaus Kleve


copyright: Lucas Blalock



Mit der ersten europäischen Einzelausstellung von Lucas Blalock (*1978 in Ashewille, North Carolina, USA) präsentiert das Museum Kurhaus Kleve einen der innovativsten Künstler der Gegenwart, der konsequent das Medium Fotografie befragt und erweitert. Während Blalock in Europa gerade entdeckt wird, war der Künstler in den USA in renommierten Institutionen wie dem Whitney Museum of American Art (Whitney Biennial 2019) oder dem Institute of Contemporary Art in Los Angeles zu sehen.


Mit einfachen Alltagsobjekten schafft Blalock schräge Tableaus, die an das surrealistische Zusammentreffen von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Seziertisch von Lautréamont erinnern. Der Künstler inszeniert Esswaren, Plastikflaschen und Handschuhe zu Stillleben, die er fotografiert und im Anschluss digital manipuliert. Dabei wird der Mechanismus der virtuellen Interventionen nicht vertuscht, sondern als bildnerische Komponente in die Arbeiten integriert: Stempeln, Klonen, und Retuschieren verwandeln seine Arrangements in Bilder, in denen analoge und digitale Elemente als gleichwertige Akteure auftreten und interagieren.


Blalock lehnt sich in seiner Arbeit an Bertolt Brecht an, der für seine Verfremdungseffekte verschiedene Hilfsmittel entwickelte, um die theatralische Illusion zu brechen und die Aufmerksamkeit des Publikums auf die sozialen und politischen Implikationen seiner Stücke zu lenken. Blalock arbeitet mit ähnlichen Strategien, indem er die Konstruktion seiner Bilder offenlegt und damit tragisch-komische Kompositionen schafft, die sich auf die Geschichte der Kunst genauso beziehen wie auf die amerikanische Konsumkultur und Politik. Seine Stillleben zeigen Ramsch aus Billigläden, es sind – wie er selbst sagt – „Tiefpunkte der Warenwelt“, mit denen er die missratenen Aspekte der menschlichen Existenz in den Vordergrund rückt. Ein Selbstporträt als Kettenraucher, das an Philip Guston erinnert; eine braune Tür, die sich auf Ed Ruschas Schokoladenraum bezieht; ein Stillleben, das an Cézannes paradigmatische Inszenierung von Äpfeln erinnert. Nicht ohne Humor bedient sich Blalock der Kunstgeschichte, um das Scheitern neu aufzulegen und zugleich historisch zu verorten. Ein Bild muss dabei nicht notwendigerweise digital bearbeitet werden, so ist die Arbeit The Chocolate Door  ein „objet trouvé“ – Blalock hat es genauso übernommen wie er es vorgefunden hat.


Politische Aspekte werden subtil über diese Arbeiten geschichtet, indem Blalock zum Beispiel einen Ausstellungstitel wie „Ketchup as a Vegetable“ wählt, der auf einen absurden Skandal aus der amerikanischen Politik der Reagan-Ära verweist. Um die Ausgaben für Mittagessen an öffentlichen Schulen zu reduzieren, wurde vorgeschlagen, Ketchup als Gemüse zu definieren, womit man gleichzeitig die vorgegebenen Nahrungsstandards hätte einhalten können und dennoch Kosten gespart hätte. Damit verweist Blalock auf die ständige Ausnutzung der ärmsten Schichten Amerikas zugunsten profitabler Renditen. Eine Tatsache, welcher er nicht mit dem moralischen Zeigefinger begegnet, sondern deren Absurdität er durch eine wörtliche Auslegung und daraus resultierender tragisch-komischer Inszenierung vor Augen führt.

Text: Museum Kurhaus Kleve

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Russell Ferguson (UCLA), Jamillah James (ICA), Phil Taylor (MoMA), Harald Kunde und Susanne Figner.



copyright: Lucas Blalock                    copyright: Lucas Blalock



Ausstellung:


Lucas Blalock

…or Or

28. September 2019 bis 26. Januar 2020


Museum Kurhaus Kleve

Tiergartenstraße 41
47533 Kleve