Access, PiK Köln-Deutz




Gruppenausstellung mit Werken von Beth Collar, Tobias Donat, Michael E. Smith, Andrzej Steinbach, Hanna Stiegeler



Der PiK (Projektraum im KunstWerk) befindet sich in der ehemaligen Fertigungshalle einer Gummiwarenfabrik. Dort wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fäden für Nylonstrümpfe hergestellt. In den zweiten Häuten verweben sich psychische Aspekte sexuellen Begehrens, der Verführung, des Materialfetischs und der Optimierung des eigenen Körpers. Ehemals Luxus, sind Nylons heute Massenware. An die Stelle der industriellen ist die postindustrielle, digitalisierte, zunehmend individualisierte Produktion getreten und mit ihr das Prinzip der Seduktion.


In seinem Buch „The Age of Access“ (2000) beschreibt der umstrittene Wirtschaftstheoretiker Jeremy Rifkin „Zugangsgesellschaften“, in denen durch das Internet und Modelle wie die Sharing-Economy Waren, Erlebnisse und Dienstleistungen stets verfügbar und zugänglich, nur einen Klick entfernt seien. In der zunehmenden Auflösung von materiellem Besitz, territorialen Begrenzungen, und Rifkin zufolge auch dem autonomen Individuum, wird das Bild – und in Gegenbewegung dazu auch der Körper und der Kontakt mit der Materialität von Dingen, die uns umgeben, von immer größerer Wichtigkeit. Denn die Dinge befinden sich in eigenartiger Distanz zum Menschen. Screens ziehen Glaswände zwischen ihre Benutzer und visuell präsentierten Möglichkeiten. Die Schwebe zwischen Nähe und Distanz speist einen Zustand des dauerhaft unerfüllten Begehrens. Unendliche Möglichkeiten sind in Sichtweite – aber verbleiben für den Großteil der Gesellschaft auch zumeist dort. Für die Verführung, deren Macht das System zusammenhält, ist dies essentiell. Der universale Zugang, den Rifkin positiv besetzt, erinnert auch an den „glatten Raum“, wie ihn Gilles Deleuze und Felix Guattari in „Tausend Plateaus“ (1980) beschreiben: Den extensiven, endlosen Raum ohne Ordnung, ohne Hindernisse, Bordsteine und Zäune. Dieser birgt nicht nur nomadische Freiheit, sondern ist gleichzeitig auch ein idealer militärischer, ungesicherter Raum, auf dem der Einzelne auf seine eigene Kraft und Wahrnehmung zurückgeworfen ist. Wer sich seiner Identität aufgrund seines Begehrens unsicher ist, sich im ständigen Streben befindet, lässt sich bereitwillig von Versprechen in Bildern verführen – und beutet sich dafür im Extrem sogar selbst aus. In der intensiven Beschäftigung mit dem Design von Produkten und deren Oberflächen zeigt sich ein Bedürfnis nach mehr Berührung mit der physischen Realität.


Die Ausstellung Access erkundet die Wechselbeziehung zwischen dem Ideal des universalen Zugangs und dem Dauerzustand des unerfüllten Begehrens nach Objekten und körperlichen Erfahrungen. Die scheinbare Verfügbarkeit bedingt neue fetischisierte Beziehungen von Körper und Objekt – oder auch Menschen untereinander. Einige Künstler*innen reflektieren diese, einschließlich der Zugänge zu Gesellschaftsgruppen, Szenen und zur Kunst selbst. Sie finden dabei unterschiedliche subjektive Zugänge zur Welt und emanzipieren sich mit der Aneignung der Macht der Verführung. Ihre Kunstwerke wollen auratische Objekte sein. Viele Arbeiten entstehen aus Sampling von Material aus Youtube, andere Kunstwerke können nur geliehen oder anhand eines Zertifkats mit On-Demand Fertigung bei Verschleiß nachproduziert werden. Analoge Techniken erkunden das Bedürfnis nach Körperlichkeit und Identität, formen Materie. Wer ist Voyeur oder wer beobachtetes Objekt in Fotografien? Bilder und grafische Gestaltungen präsentieren sich als schillernde, uneindeutige Oberflächen, Spiele mit Zeichen, die den Kräften der Wahrheit und der Produktion entgegenlaufen.


Text: Juliane Duft (Kuratorin der Ausstellung)/PiK







Ausstellungsdauer


Access

11. April bis 4. Mai 2019


PiK

Projektraum im KunstWerk
Deutz-Mülheimer Straße 127
51063 Köln




Access, PiK, Handout