Alexander Kluge – Pluriversum. Museum Folkwang, Essen


Alexander Kluge, Kluge lesend, 2016. Aus: Minutenfilme, Filmstill © Kairos Film                     Alexander Kluge, Buch vom Sirius, 2017. Aus: Atlas (neu ediert), Filmstill © Kairos Film



Anlässlich des 85. Geburtstags von Alexander Kluge zeigt das Museum Folkwang in Essen die erste große Museumsausstellung des Filmemachers und Autors, die von der Kunststiftung NRW gefördert wird. Alexander Kluge, 1932 in Halberstadt geboren, ist promovierter Jurist, stand in beratendem Austausch mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, wurde ab 1962 als Schriftsteller und Filmemacher bekannt und gründete 1963 die Produktionsfirma Kairos Film, die bis heute Kluges Filme produziert. Durch Texte, Filme und Interviews regt er seit Jahrzehnten zum Diskurs an. Das folgende Gespräch mit Alexander Kluge reflektiert seine Arbeit vor dem Hintergrund seiner aktuellen Ausstellung.

Das Gespräch führt Christina Irrgang.



Alexander Kluge, Homo Volans, 2017. Aus: Arbeit, Anti-Arbeit, Industrie 4.0, Filmstill, 25 Minuten © Kairos Film 



Irrgang: Arbeit – Nicht-Arbeit – im Rausch der Arbeit: Für Ihre Ausstellung im Museum Folkwang, die einen breiten Einblick in Ihren Schaffenskosmos gewährt, sind auch zahlreiche neue Filme entstanden, so im Zuge der Konzeption des Ausstellungsraumes „Lebenszeit als Währung“. Sie sagen: „Lebenszeit ist eine eigene Währung, die gleich stark oder stärker ist als die Währungen Macht, Wahrheit oder Geld“. Sie bringen damit die menschliche Lebenszeit als Kapital und Eigentum ins Gespräch – und skizzieren zugleich ihre Grenzen, so durch den Einbezug von Objekten wie eine Bombe, eine Lupe, ein Fernrohr und ein Hebammenwerkzeug für eine Geburt. Sie richten mit diesem Kapitel Ihrer Ausstellung den Fokus und das Bewusstsein auf den Wert der Zeit, den Wert des menschlichen Lebens – und die Möglichkeiten, die es bieten kann, wenn wir das je eigene kreative Potential darin aktivieren? Was genau verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter dem „Eigensinn“ des Menschen?


Kluge: In uns Menschen stecken Besonderheiten, also Eigenschaften, die wir nicht verkaufen, niemals ganz aufgeben, aus denen sich unsere Identität zusammensetzt. Die Franzosen haben den Ausdruck „amour propre“, das ist im Schlüsselroman „Die Princesse von Cleve“ ein positiv besetzter Begriff.

Das Wort „Eigensinn“, das habe ich mehrfach bemerkt, ist in andere Sprachen schwer zu übersetzen. Im Rahmen der Ausstellung im Folkwang Museum bezieht sich das Wort „Eigensinn“ auf das kürzeste Märchen, das sich bei den Brüdern Grimm findet: Das eigensinnige Kind.



Irrgang: Sie sehen Ihre Arbeit im Vergleich mit jener der Weberin Arachne, von der Ovid in den Metamorphosen berichtet. Es war Athene, welche die Weberin nach einem verlorenen Wettstreit und im Zuge ihrer eigenen Unterlegenheit in eine Spinne verwandelte – dazu bestimmt, auf ewig weiter zu weben. Arachne, die Spinne, das fortlaufende Herstellen von Zusammenhängen und das Zusammenbringen von Blickwinkeln jedweder Herkunft – ob kulturell, politisch, wissenschaftlich, menschheitsgeschichtlich: ich stimme Ihnen zu und denke Ihre Metapher bezüglich Ihrer Arbeit weiter. Jeder Faden in Ihrem Netz entspricht dabei einem geführten Gespräch (wie im Rahmen von dctp), einer Kooperation, einem die Disziplinen überschreitenden Zusammenhang...

Wann und wie haben Sie begonnen, „das Gesumm der Kommunikation“ für Ihre Arbeit produktiv zu machen, und wie erleben wir es in Ihrer Ausstellung im Museum Folkwang?


Kluge: Wir tragen ein solches „Gesumm“ täglich in unserem Körper und in unseren Sinnen mit uns herum. Es geht aber auch um die Öffentlichkeit, die uns umgibt. Auch sie hat eine ganz konkrete Klangfarbe, ein „städtisches Gesumm“. So wie es auch in der Natur und auf den Äckern eine permanente Kommunikation gibt, die den Geist erfrischt und in der er gewissermaßen „wie ein Fisch im Wasser schwimmt“.

In einem Schulunterricht wird ein solches Gesumm der Kommunikation meist still gestellt. In der „Dramaturgie der Schulpause“ ist es alle Stunde wieder lebendig.



Irrgang: Der Eintritt in Ihre Ausstellung ist frei. Sie lädt unter demokratischem Aspekt dazu ein, wieder zu kommen: einen Gedanken aufzugreifen, ihn mit etwas Distanz zu betrachten oder weiter zu denken, um dann zu einem späteren Zeitpunkt mit verändertem Blick zu ihm zurück zu kehren. Den Besucherinnen und Besuchern Ihrer Ausstellung wird so ermöglicht, ihr eigenes Denken zu aktivieren. Ihre Ausstellung wird dabei zu einer Agora, in der sich das Zusammenleben einer Gemeinschaft fortbilden kann.

Welche Bedeutung haben öffentlicher Gelder für die Kunst, für die Kultur, für die Wissensbildung?


Kluge: An Ihrer Frage gefällt mir, dass Sie Kunst, Kultur und Wissensbildung zusammenfügen. Sie gemeinsam sind eine Speerspitze jeder intakten und lebendigen Öffentlichkeit. In einer Zeit, in der die machtvollen Algorithmen von Silicon Valley uns Europäer wie Eingeborene erscheinen lassen, ist es überlebenswichtig für unsere Öffentlichkeiten und unsere Identität, dass wir Kunst, Wissen und die konkrete Lebenszeit von Menschen zusammenführen. Dafür braucht man Ausstellungen so wie es früher die Plätze von Florenz gab in der Renaissance: eine Agora. Für das Zusammenleben einer Gemeinschaft ist strukturierte Öffentlichkeit ein Nahrungsmittel. Öffentliche Gelder, ausgegeben für die „Architektur einer intakten Öffentlichkeit“ sind niemals verschwendet.



                     



                    



Alle Ausstellungsansichten: Alexander Kluge. Pluriversum, Ausstellungsansicht, Museum Folkwang, Foto: Museum Folkwang, Jens Nober



Die Ausstellung „Pluriversum“ läuft bis zum 07. Januar 2018 im Museum Folkwang Essen.