Im Fokus: 1917. In Erinnerung an Luise Straus-Ernst


Luise Straus Ernst, etwa 1916                                   Ausstellungsansicht Wallraf


Über die Ausstellung:

 

1917. In Erinnerung an Luise Straus-Ernst

Die Rekonstruktion ihrer Kriegsausstellung im Wallraf

Mit einer Reflexion von Louisa Clement



Im Juli 1917 eröffnete die von Dr. Luise Straus kuratierte Ausstellung „Alte Kriegsdarstellungen – Graphik des 15. bis 18. Jahrhunderts“ im Kupferstichkabinett des Wallraf-Richartz-Museums in Köln. Straus war zu diesem Zeitpunkt eine der ersten promovierten Kunsthistorikerinnen in Deutschland und hatte gerade ihr Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn absolviert, während ihr Lebenspartner Max Ernst, mit dem sie von 1918-1926 verheiratet war, im Ersten Weltkrieg an der Front diente. Die Thematik des Krieges, ja der Einfluss des Krieges auf das Kunstschaffen, wie sie es auch bei Ernst beobachten konnte, mündete als visuell-analytische Auseinandersetzung in ihre – erste und einzige – Bildzusammenstellung aus dem Grafikbestand des Museums, die sie gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Kuratorin – wie man heute sagen würde – am Wallraff (1917 bis 1919) realisierte.


Genau 100 Jahre später nun hat das Wallraf-Richartz-Museum die Kriegsausstellung von Luise Straus-Ernst (1892-1944) rekonstruiert. Aus ehemals 128 Exponaten konnte ein Großteil der grafischen Blätter mittels des Kataloges von 1917 ermittelt, und – erneut – in zwei miteinander verbundenen Räumen im Wallraf zur Anschauung gebracht werden.

Deutlich wird hierbei der kritische und reflektierende Blick, mit dem Luise Straus 1917 sowohl Grafiken, als auch illustrierte Bücher auswählte: enthüllen die Werke über die heroischen Gesten der Kriegsführung doch vor allem die zu jeder Zeit mit dem Kriege einhergehenden menschlichen Notsituationen und Katastrophen. So zeigt der Zyklus „Die großen Schrecken des Krieges“ von Jacques Callot (1633) Szenen von Vertreibung, Flucht, Folter sowie Mord und bringt Willkür, Brutalität und Barbarei am Beispiel des Dreißigjährigen Krieges zum Gegenstand. Es sind Gesten der Gewalt, die sich in Natur und Lebensraum einschreiben, in dem Menschen nur noch als Marionetten oder Phantome erscheinen, oder aber Gesten des Triumphes und der Aneignung, wie in Antoinette Bouzonnet Stellas „Der Einzug des Kaiser Sigismund in Mantua“ (1675), die hier verhandelt werden. Dabei wird die Gebietseroberung nicht nur zum Bildgegenstand innerhalb der Grafiken – Luise Straus erzeugte in ihrer Auswahl selbst eine Kartografie durch Zeit und Raum, indem sie nicht nur Ansichten verschiedener Kriege in unterschiedlichen Epochen zusammenstellte, sondern vor allem eine grenzübergreifende Auswahl verschiedener Kulturen innerhalb ihrer Ausstellung vereinte. Ihre mediale Zusammenstellung aus Original-Grafiken und Reproduktionen reflektierte darüber hinaus auch (Bild-)Strategien und Systematiken des Krieges in einer Zeit, in der die fotografische Kriegsberichterstattung des Ersten Weltkrieges zwischen Dokumentation und Propaganda ganz neue Formate des „Schlachtenbildes“ hervorbrachte.


Die Bildauswahl von Luise Straus wird in der aktuellen Ausstellung durch eine skulpturale und einige fotografische Arbeiten der Künstlerin Louisa Clement (*1987) reflektiert. Umringt von den historischen Grafiken, zeigt Clement die im Quadrat angeordnete Bodenskulptur „Transformationsschnitt“ (2015): eine Fläche aus unregelmäßig geformten, scharfkantigen, schwarz glänzenden Körpern, die aus in Glas gebundenem Giftgas bestehen – dem Gas Sarin, welches im Syrien-Krieg bereits mehrfach eingesetzt wurde. Clement hebt mit ihrer Arbeit die Spuren des Ungreifbaren hervor, so auch mit der Fotografie „weapon 1“ (2017), die einen leeren Waffenkasten für Handgranaten zeigt.


Das Ungreifbare des Krieges, ja das Nicht-Greifbare des Menschen – der einerseits zur Spielfigur einer gewaltvollen Realität wird und andererseits deren Spielregeln selbst bestimmt – war sicherlich auch für Luise Straus ein Motiv bei der Zusammenstellung ihrer Ausstellung.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlässt Luise Straus-Ernst Köln, da sie jüdischen Glaubens ist und die Repressionen gegen Juden zunehmend verschärft werden. In den ersten Jahren kann sie sich als Journalistin in Paris durchschlagen, später folgt die Flucht nach Südfrankreich und nach Manosque im Département Alpes-de-Haute-Provence, wo sie bei dem Schriftsteller Jean Giono unterkommt. 1941/1942 schrieb sie dort ihre Autobiografie „Nomadengut“. Kurz vor der Befreiung durch die Alliierten wurde Straus-Ernst im April 1944 verhaftet und im Juni desselben Jahres nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich Anfang Juli ermordet wurde.


Die von der Kunststiftung NRW geförderte Ausstellung „1917. In Erinnerung an Luise Straus-Ernst“ bezieht sich nicht nur auf die Rekonstruktion ihrer kuratorischen Tätigkeit, sondern würdigt das längst überfällige Gedenken an eine Frau, die als Wissenschaftlerin, Bildforscherin, Dadaistin, dann als eine der prominentesten Journalistinnen und Kunstkritikerinnen der Weimarer Republik und aus dem französische Exil heraus Ansehen und Wertschätzung erlangte.


Text: Christina Irrgang



Die Ausstellung ist bis zum 10. September 2017 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen.



Jacques Callot, Ansicht Ausst.kat. Wallraf 2017             Antoinette Bouzonnet Stella, Ansicht Ausst.kat. Wallraf 2017


Courtesy Louisa Clement & Wentrup Galerie, Transformationsschnitt, 2015, Detail, Foto: Henning Krause                           Courtesy Louisa Clement & Wentrup Galerie, weapon 1, 2017, 150 x 125 cm, Inkjetprint