Beethovenfest Bonn 2017 – ein Rückblick


Prof. Dr. Nike Wagner. Foto: Stephan Lehmann                                         Beethoven Büste, Beethoven-Haus, Bonn. Foto: Sonja Wener



Drei Fragen an die Intendantin Nike Wagner



Vom 08. September bis zum 01. Oktober 2017 fand das Beethovenfest Bonn unter der künstlerischen Leitung von Nike Wagner statt. Bezug nehmend auf Ludwig van Beethovens Motiv der „fernen Geliebten“ bot das Festival mit 55 musikalischen Darbietungen an 22 Spielstätten sowie zahlreichen weiteren Veranstaltungen ein umfangreiches Programm, welches Liedkunst, Orchesterkonzerte, Kammermusik, Streichquartette, Tanz, Performance, wie auch Beethoven in Film und Literatur umfasste und den Komponisten im Kontext des Zeitgenössischen reflektierte.

Das Beethovenfest hat eine lange Tradition und reicht zurück ins Jahr 1845, wo es erstmals unter der Leitung von Franz Liszt und Louis Spohr anlässlich der Einweihung des Beethoven-Denkmals in Bonn ausgerichtet wurde. Im folgenden Gespräch erläutert die Intendantin Nike Wagner Aspekte des diesjährigen Beethovenfestes, das von der Kunststiftung NRW gefördert wurde. Das Gespräch führte Christina Irrgang.



1

Das Motto des Beethovenfestes 2017 ist „Ferne Geliebte“, Beethovens berühmtem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ von 1816 entlehnt. Welche Facetten des Ludwig van Beethoven wurden in diesem Jahr beleuchtet?

 

Bekannt ist Beethoven für seine extrovertierte Art, sein energisches sinfonisches Engagement für Freiheit und Menschenrechte. Zweifellos gibt es aber auf der Binnenseite seines Wesens auch andere Töne: Liebe und Sehnsucht spielen da eine große Rolle, gespeist von unglücklichen persönlichen Erfahrungen. Die „unsterbliche“ und die „ferne“ Geliebte bei Beethoven sind sprichwörtlich geworden. Die unerfüllte Sehnsucht aber gibt auch den Raum für die Kreativität vor. Ausgehend von seinem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ von 1816 haben wir deshalb die „innigsten Empfindungen“ Beethovens in den Mittelpunkt gestellt. Diese Formulierung ist eine Spielanweisung Beethovens aus seinem späten Quartett in a-Moll op. 132. Unzählige Werke anderer Komponisten haben solche „Empfindungen“ ebenfalls thematisiert, die Liebe ist immer schon Zentrum der „Gefühlskunst“ Musik gewesen, von den Madrigal-Kulturen bis in die Moderne.



2

Das Beethovenfest zeichnet sich immer wieder auch durch seine Kontextbildung aus – durch das musikalische Netz, das sich einerseits um Beethoven herum gebildet hat, und die Strahlkraft, die er auf folgende Generationen in Musik und ihrer szenischen Darstellung in Choreografie und Tanz ausgeübt hat. Welche Schwerpunkte wurden in diesem Jahr gesetzt?


Schwerpunkte 2017 waren das Lied – das klassisch-romantische Kunstlied – , ein Streichquartett-Wochenende und „vertanzter“ Beethoven. Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ war bahnbrechend in zweierlei Hinsicht. Es steht am Eingang zum berühmten Spätwerk Beethovens – das erlaubte mir, alle fünf späten Streichquartette Beethovens, gemischt mit früher Moderne aufs Programm zu setzen – und es hat die wirklich großen Lieder-Komponisten auf den Weg gebracht – Schubert, Schumann, Hugo Wolf, Brahms. Schumann hat aus Beethovens Liederzyklus gern in eigener Kammermusik zitiert, von Schubert, Wolf und Brahms wiederum waren die schönsten Lieder-Zyklen zu hören. Besonders gefreut hat mich, dass Beethovens Musik derzeit die zeitgenössischen Choreographinnen so inspiriert: Drei der namhaftesten – Lucinda Childs, Anne Teresa De Keersmaeker und Maguy Marin – haben sich der „Großen Fuge“ angenommen und eine Trilogie daraus gestaltet. Das Ballett der Opéra de Lyon war damit zu Gast. Und auch die experimentell gesinnte Bonner CocoonDance Company unter Rafaele Giovanola hat bewiesen, wie phantasievoll man mit Beethoven umgehen kann, hier mit seinem „Geistertrio“. Beethoven im Spiegel unserer Gegenwart – das ist eines der zentralen Anliegen des Beethovenfestes.



3

Das diesjährige Beethovenfest präsentierte hochkarätige Solokünstlerinnen und Solokünstler, Ensembles, Orchester, zudem Ausstellungen, Vorträge sowie Angebote für Kinder, Jugendliche und Junge Erwachsene. Es umfasste eine Vielzahl besonderer Spielstätten in Bonn und der angrenzenden Umgebung, die neben den tradierten Konzertsälen auch Schlösser, Burgen, Basiliken und Ausstellungshäuser einbezogen. Was waren Ihre persönlichen Highlights beim Beethovenfest 2017?

 

Da darf ich nun wirklich „persönlich“ werden. So fabelhaft gelungen die großen Orchesterkonzerte waren und tausend einzelne Interpreten und Programme: unvergesslich bleiben mir die „Profeti della Quinta“ als ein perfekt austariertes Vokalensemble mit Madrigalen der Spätrenaissance, unvergesslich bleiben mir die Interpretationen der „Fernen Geliebten“ durch Matthias Goerne und die der „Schönen Müllerin“ durch Simon Bode mit Igor Levit am Klavier. Beiden Teams gelang es, die fast pathologischen Tiefenschichten dieser Lieder zum Ausdruck zu bringen. Und eben, die dreimal choreographierte „Große Fuge“ Beethovens. Dass es gelingt, für ein- und dasselbe hochkomplizierte Werk drei gänzlich verschiedene Wahrnehmungsmodi zu generieren, war eine sensationelle Erfahrung: zum ersten den neoklassisch-kühlen, dann den heiter-spielerischen und schließlich den existenziell-verzweifelt-komischen. Es gibt sie, die Sternstunden!!