Dichten 2020


           Foto: Kunststiftung NRW



Vom lyrischen Umgang mit Sprache

Lyrikertreffen „Dichten 2020“ im Kloster Steinfeld



Schon im vergangenen Jahr trafen sich in der Eifel Dichterinnen und Dichter, um miteinander ihre aktuellen und noch im Entstehen begriffenen Texte zu lesen, zu diskutieren und die zeitgenössische Lyrik auf Form und Inhalt hin zu befragen. Zur Fortsetzung dieses konzentrierten Lyrikergesprächs luden die Kunststiftung NRW und das Literarische Colloquium Berlin (LCB) erneut zum Kolloquium „Dichten 2020“ ins Kloster Steinfeld in Kall ein, diesmal vom 19.-21.07.2017.


Die Kreuzgänge wurden zum Begegnungsraum der fünfzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nordrhein-Westfalen, Berlin und Dresden mit so unterschiedlichen biografischen wie geografischen Hintergründen: Nico Bleutge, Elke Erb, Norbert Hummelt, Sina Klein, Barbara Köhler, Marie T. Martin, Jürgen Nendza, Marion Poschmann, Sabine Scho, Volker Sielaff, Ulf Stolterfoht, Julia Trompeter, Sonja vom Brocke, Christoph Wenzel und Judith Zander.


Hier, im Kloster Steinfeld, fanden sie erneut zusammen und lasen ihre eigenen Texte, hinterfragten sie konstruktiv und diskutierten so in großer Offenheit an drei Tagen anhand ihrer eigenen Gedichte über inhaltliche und formale Fragen deutscher Gegenwarts-Lyrik. Die Formate der Beiträge variierten, gleichberechtigt wurden bereits veröffentlichte sowie unveröffentlichte als auch im Werkprozess begriffene Gedichte und lyrische Prosa zu Gehör und ins Gespräch gebracht. Der literarische Austausch knüpfte dabei an die Themen von 2016 an und erweiterte die Diskussion um poetologische Fragestellungen. Eine Diskussion zur „Bildtechnik in der Lyrik“, von Marion Poschmann angeregt, eröffnete ein Forum zur Poetik des (lyrisch erzeugten) Bildes – wobei sich ein Bildgebrauch oder Bildbezug in vielen der hier vorgestellten Gedichte und Prosatexte einschrieb und vernehmen ließ.


Die Text- und damit die Bildanlässe wie auch die Bezüge zu oder Einflüsse durch Bilder variieren bei den einzelnen Dichterinnen und Dichtern. Bei Sina Klein tritt – in Anbindung an digitale Räume und Klang – die Sprachrhythmik in den Vordergrund. Norbert Hummelt erzeugt in seinen Gedichten präzise, nahezu fotografisch anmutende Szenen, bei denen Form und Inhalt im Wechsel Bilder generieren. Der konkrete Bezug auf Kunstwerke, wie z.B. der surrealistischen Malerei, wird bei Julia Trompeter tragend – oder auch bei Sabine Scho, die im Rahmen von „Münster: Kur und Kür“ als Teil der Skulptur Projekte Münster lyrische Texte im Grenzbereich von Fotografie und Bildkörper in Sprechtakte münden ließ. Eine poetische terrestrisch-kosmische wie emotionale Kartografie brachte Elke Erb mit ihrem Beitrag hervor und zum Gespräch. Ulf Stolterfoht dagegen lotet in Korrespondenz zu einem Texte der Poetin Carolyn D. Wright die Grenzen der eigenen Sprache zwischen Komik und Peinlichkeit aus, ein Experiment zu der Frage, wie viel der komischen Verzerrung und Anarchie die eigene Sprache aushält.


So wurden bei „Dichten 2020“ nicht nur Wege und Weisen des symbolischen Übersetzens diskutiert, sondern auch Überlegungen hergestellt, was zuerst da zu sein vermag – ein äußeres oder inneres Bild, Ton, Klang, Raum oder Traum? Die immer wieder erörterte Bildlichkeit im Text brachte Fragen nach Technik und Herangehensweise hervor, von künstlerischer Intention über Transformation bis hin zum Sprechen über den reinen Entstehungsprozess. Welche individuellen Richtungen die Autorinnen und Autoren in ihren Texten auch einschlugen: sie zeigten Wege der lyrischen Sprachschöpfung auf, die im Kloster Steinfeld in einem geschützten und respektvollen Rahmen gleichwertig zum Ausdruck kamen und sich nicht zuletzt auch wechselseitig inspirierten.


Text: Christina Irrgang        



                    



Also werden Seelen und Silben gezählt

Randbemerkungen zum Dichtertreffen „Dichten 2020“ von Michael Braun



„Poesie ist schlichthin Glück.“ Wer wie die Dichterin Elke Erb solche Maximen formuliert, hat sich von der Fixierung der literarischen Moderne auf eine negative Ästhetik leichthändig gelöst. Lange galt es als ein Sakrileg, eine der Affirmation verdächtige Kategorie wie das „Glück“ als möglichen Zielpunkt des Schreibens zu markieren. Denn die Adorno-Sentenz schien unhintergehbar: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ In den Lyrik-Debatten seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind nun einige Tabus geschleift und einige liebgewonnene Gewissheiten und Übereinkünfte aufgekündigt worden. Es gibt keine verlässlichen Ordnungssysteme mehr, keine trennscharfen Unterscheidungen zwischen „traditionellem“ und „experimentellem“ Schreiben, zwischen „Traditionalismus“ und „Avantgarde“ – und schon gar keine dezisionistischen Trennungen zwischen „Freund“ und „Feind“. Ist das Zeitalter der Ironie abgelaufen und gewinnt das „Pathos“ wieder literarische Legitimität? „Gibt es eine Pathosangst in der modernen Dichtung?“ (Volker Sielaff) Und wie geht das zeitgenössische Gedicht mit Bildern, welche Bildtechniken sind möglich, um das moderne Gedicht mit imaginativen und semantischen Energien aufzuladen? Und inwiefern können alte Suggestionstechniken der Dichtung wie der Reim, die Repetition, die Litanei, der Jubelgesang auch heute noch poetische Energien entbinden oder verstärken? Sind die poetische Überschreibung und Übermalung die heute zentralen Arbeitstechniken, um sich die epochalen Texte der Tradition anzueignen? Und inwiefern sind die Autoren der Slam Poetry und der Spoken Word-Szene auf einem ganz anderen Terrain tätig als ihre Kollegen, die genuinen Lyriker?


Das sind die Fragen, denen sich die fünfzehn Dichterinnen und Dichter behutsam näherten, die vom 19. bis zum 21. Juli 2017 im Kloster Steinfeld in der Eifel auf Einladung der Kunststiftung NRW und des Literarischen Colloquiums Berlin bereits zum zweiten Mal zusammentrafen. Die geografische Entfernung von den literarischen Brennpunkten hat das offene, ungeschützte und auch unverbissene Sprechen und Diskutieren über die Grundfragen der lyrischen Produktion und Rezeption sichtlich beflügelt. Denn im Plenum wie auch am Rande der eigentlichen Debatten, im Restaurant „Alte Abtei“, wurden immer wieder Fragen zu den Bedingungen heutigen lyrischen Schreibens aufgeworfen, die im mühsamen Tagesgeschäft wegen einschlägiger Denkfaulheit entfallen. Die spürbare Abwesenheit von Konkurrenzdruck und Rivalitätsritualen ermöglichte bei dieser Eifeler Dichterklausur nicht nur eine wohltuende Distanz gegenüber der Apodiktik so mancher Feuilleton-Debatte, sondern auch gegenüber dem überhitzten Facebook-Sound in den sozialen Netzwerken. Denn diese Facebook-Kommunikation trägt meist nur dazu bei, intellektuelle Reflexe oder Erregungszustände zu distribuieren, bei gleichzeitig abnehmender Bereitschaft, sich differenziert mit Argumenten zu beschäftigen.


Im Kloster Steinfeld entfaltete sich dagegen die Kultur der „Zweifelrede“ (Marie T. Martin) gegen die Inhaber alter und neuer normativer Ästhetiken. Sabine Scho animierte die Debatte über die „Klassenfrage“ und über die wirkungsmächtige Expansion „bürgerlicher“ Karrieren im Lyrikbetrieb und die angeblich literaturbetriebsinterne Privilegierung von Autoren mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Im Plenum verblüffte derweil Ulf Stolterfoht in der Debatte über die Möglichkeiten des poetischen Bildes mit der lakonischen Bemerkung, er könne beim Schreiben nichts visualisieren, könne „nichts sehen“, er habe nur Sätze, könne nur aus der Kombinatorik und Neuordnung dieser Sätze neue literarische Konstellationen hervorbringen. Und an Volker Sielaffs Gedicht „Mystische Aubergine“ ließ sich eine kleine Poetik des sprachvernarrten Jubelgesangs erarbeiten, die aus der Mobilisierung von Klangähnlichkeiten und Homophonien ihre überwältigende Präsenz bezieht: „Der Klang einer Kette, ein Ruderboot, eine Pascalsche Wette,/ ein Dreieck, ein Relativismus, ein kläffender Hund in der Küche./ Der Gen-Mais, die Schreie, das Feld unter der grauen Decke,/der Orient, Lepra, ein Schuh, in dem ich mein Mantra verstecke.“ Norbert Hummelts suggestives Gedicht „die überschattung“ konnte man schließlich als eine sehr intensive Beglaubigung der These lesen, dass der hohe Ton großer Erhabenheitsdichter wie Stefan George keineswegs obsolet ist, sondern auch die Dichtung der Gegenwart zu inspirieren vermag. Eine Zeile wie Hummelts „der adler nahm/ uns unter seinen schatten“, leistet beides zugleich: einen Anklang an alte Topiken und Metaphoriken (wie hier z.B. den Mythos von Prometheus oder die starke religiöse Symbolik) wie auch die moderne Erfahrung des Transzendenzverlusts: „stumm ging es abwärts durch die serpentinen.“ Und dieses Ineinander von Traditionszitat und moderner Überschreibung eines althergebrachten Stoffs manifestierte sich in vielen Gedichten, die im Kloster Steinfeld Gegenstand der Werkstattgespräche waren. Bis hin zu Christoph Wenzels konzisen Erkundungen der Sozialgeschichte des Dorfes, Gedichte, in denen sich – wie in jedem guten Gedicht – der Autor zugleich ausdrückt und auch verbirgt. Und in denen am Ende aus dem Beschwören von Personennamen und kryptischen Rotwelsch-Formeln die Zauberspruch-Qualität der Dichtung neu ersteht: „also werden seelen gezählt, schäfchen, silben/ auf den klingelschildern. hier schultheiß, schulte,/ da neumann, neander, unter ferner liefen dann: /bachum, tacken, balachesen.“



                 



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