INVENTUR 2: Ein Rückblick


Mit Sigrid Gareis, Gabriele Brandstetter und Bettina Masuch im Gespräch



Vom 01. bis 03. Juni 2017 fand die von der Kunststiftung NRW geförderte Tagung INVENTUR 2 im tanzhaus NRW in Düsseldorf statt. In Panels, Lectures, Live Acts und Performances widmeten sich international renommierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Theorie und Praxis über drei Tage hinweg der Frage nach der derzeitigen Situation von zeitgenössischem Tanz und Performance. Im folgenden Interview sprechen Sigrid Gareis, Gabriele Brandstetter und Bettina Masuch, die gemeinsam mit Martina Hochmuth die INVENTUR 2 konzipiert haben.

Das Gespräch führte Christina Irrgang.



tanzhaus nrw INVENTUR 2_ vlnr Martina Hochmuth_Sigrid Gareis_Gabriele Brandstetter_Bettina Masuch_Foto: Katja Illner



1

Globalism/Postcolonialism, Expanding the Institution, Performing the Museum, Audience & Attention, Bodies in Crisis/Dance in Crisis, Social Practices and the inherent Politics of Dance, Theory, Dance and Art Education, Strategies of Empowerment/The Force of Dance: Im Rahmen der INVENTUR 2 wurden hochaktuelle Thematiken benannt.

Wie haben sich diese Schwerpunkte herausgebildet und wie waren die Dynamiken der einzelnen Panels? Was bildete die INVENTUR 2 ab und welche Ziele verfolgte sie?


Masuch: Der INVENTUR 2 gingen intensive Gespräche zur aktuellen Situation im zeitgenössischen Tanz voraus. Zu viert sind wir in dieser Vorbereitungsphase Fragen nach künstlerischen und theoretischen Entwicklungen nachgegangen. Welche KünstlerInnen und Länder haben sich seit der INVENTUR 1 – die 2005 in Wien stattfand – aufgestellt, wo gibt es Handlungsbedarf, wie haben sich die Themenfelder insgesamt verändert? Ziel der INVENTUR 2 war, dies zu präzisieren.


Gareis: Die INVENTUR 2 war eine Bestandsaufnahme mit Blick auf zukünftige Entwicklungen im Tanz: Ein Symposion zwischen Theorie und Praxis, welches eine globale Diskussion und Wissensgenerierung zum Ziel hatte. Es wollte Gemeinschaft stiften, Erfahrungen teilen und über Kontinente hinweg Perspektiven entwickeln. Unser Bestreben war dabei, durch sehr unterschiedliche diskursive Ausformulierungen Impulse zu setzen. Das Format war den Beteiligten freigestellt, doch viele der Panels verbanden den Diskurs mit gewissen Inszenierungformaten.


Masuch: Es war hierbei eine Reflexion aus der Praxis heraus, die wieder in die Praxis hinein führte, das heißt: Fragestellungen aus der Praxis generieren, die man wieder der Praxis zuführt. Das unterscheidet sich vom klassischen Theater-Kongress. In der Planung und Zusammensetzung wurden von uns pro Panel je zwei „Heads“ bestimmt, welche dann je zwei weitere TeilnehmerInnen auswählten und einluden.


Brandstetter: Die Schwerpunkte waren dabei breit und global ausgerichtet und von politischer bzw. tanzpolitischer Relevanz. Hervorzuheben sind die individuellen Strukturen der einzelnen Panels und ihre dramaturgischen Dynamiken. So verknüpften beispielsweise Claire Bishop und Trajal Harrell in ihrem Panel „Audience & Attention“ visuelle Präsentation, Vortrag und Performativität auf besondere Weise.


 

2

Von INVENTUR 1 zu INVENTUR 2: Was hat sich zwischen 2005 und 2017 vollzogen, wo gibt es Anknüpfungspunkte, was hat sich ganz neu entwickelt?

 

Gareis: Die INVENTUR im Jahr 2005 stand politisch im Zeichen der europäischen Osterweiterung; künstlerisch kündigte sich bereits die Endphase des Konzepttanzes an. Im damaligen Kontext des Falls des eisernen Vorhangs waren die Diskussionen viel stärker von Optimismus getragen. 2017 bewegt uns nun eine Weltlage mit ungleich existentielleren Herausforderungen. Die 2005 spürbare Zuversicht und Offenheit ist verschwunden. Heute suchen wir nach der Möglichkeit, in Krisenzeiten überhaupt eine eigene Sprachlichkeit des Tanzes zu entwickeln. Dies äußerste sich bei der INVENTUR 2 auch durch einen deutlich stärkeren Fokus auf politische Themen und Fragestellungen wie etwa: Kann man als Tanzcommunity ein Modell sein für eine solidare Gesellschaftsform? Wie übt man soziale Verantwortung aus? Wie bauen wir hegemoniale Strukturen ab?


Brandstetter: Es gibt heute eine international vielfältigere Tanzszene, die sich mit diversen Aspekten befasst: Globalisierung, regionale Schwerpunktbildung, Körper, Gender, Queer, Transgender... Wir haben dabei aus einem Ungenügen der aktuellen Debatten heraus versucht, Gespräche und Situationen zu stiften, welche Lücken und Defizite schließen.


Masuch: Zentrale Maxime in der Umsetzung der INVENTUR 2 war, die gesamte Welt einzubeziehen – und damit nicht aus der „weißen“ Perspektive zu sprechen, sondern außereuropäische Positionen zusammen zu denken und zusammen zu führen. Neu entwickelt hat sich auch die Frage, in welcher Weise Tanz in den Museen stattfindet. Besteht darin die Erweiterung von Möglichkeiten, oder ein Marketing-Konzept? Ein weiterer Aspekt im Jahr 2017 ist der Körper in der Krise: Wie geht man als TänzerIn/ChoreographIn mit sozialen Konfliktsituationen in der eigenen Praxis um? Was ist Tanz als soziale Praxis?



3

Was sind Ihre persönlichen Faszinations- und Erkenntnismomente, die Sie aus der INVENTUR 2 mitnehmen?

 

Gareis: In ihren jeweiligen Beiträgen bestvorbereitete Menschen gesehen zu haben! Dabei waren insbesondere die Begegnungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander, also auch ihr Versuch, interdisziplinäre Formate zu finden, extrem faszinierend: man wollte voneinander lernen. Ein Beispiel – das Panel „Globalism/Postcolonialism“, das in seiner Mischung von luziden theoretischen Statements und konfrontativer Performances überzeugte und zu intensiven Diskussionen führte.


Brandstetter: Für mich war besonders interessant: die Vielfalt und Kreativität in der Kooperation verschiedener Praktiker und Theoretiker. Beide Bereiche sind nicht mehr so klar voneinander abzugrenzen bzw. abgrenzbar.

Tanz als Praxis und Tanz als Theorie haben viele Verflechtungspunkte – hier verläuft keine statische Grenze, sondern das eine ist immer wieder im anderen integriert, und umgekehrt. Die Akteure sind nicht nur in einem Feld aktiv, sondern es gibt eine Art Komplizenschaft, es ist ein punktuelles Ineinandergreifen. Praxis und Theorie dürfen hier wie ein Rhizom gedacht werden, also weniger schematisch, weniger in Schubladen, als vielmehr in Bezugsfeldern.

Die Verflechtung von Tanz als Praxis und von Theorie und Forschung war bereits bei dem Kongress „Tanz und Theorie“ zu beobachten, den ich 2011 organisiert habe, und hat sich nun bei der INVENTUR 2 noch viel deutlicher abgezeichnet und weiter entwickelt – beispielsweise bei Lia Rodrigues (Panel „Bodies in Crisis/Dance in Crisis“).


Masuch: Mein persönlicher Glücksmoment: Die Fülle an inspirierenden Künstlerinnen und Künstlern, Denkerinnen und Denkern sowie die Fülle des Diskussions- und Gesprächsstoffs, allem voran die Zeit, um über drei Tage hinweg intensiv miteinander in Austausch zu gehen.



tanzhaus nrw INVENTUR 2_Bettina Masuch_Foto: Katja Illner           


                                                                            tanzhaus nrw INVENTUR 2_Foto: Katja Illner



tanzhaus nrw INVENTUR 2_Panel 1 Globalism Postcolonialism_vorne Nora Chipaumire_im Hintergrund Jay Pather_Foto: Katja Illner             


                                                                            tanzhaus nrw INVENTUR 2_Foto: Katja Illner



tanzhaus nrw INVENTUR 2_Panel 1 Globalism Postcolonialsm_auf der Leinwand Nora Chipaumire_Foto: Katja Illner