Im Fokus: „Odyssee“ am Möhnesee und im Kunstverein Arnsberg


 

Als außergewöhnliche Station zwischen den Großausstellungen Skulptur Projekte Münster und documenta 14 in Kassel, schlug die „Odyssee“ einen Triathlon vor, und stellte dem Radfahren (Münster) und Laufen (Kassel) das Schwimmen als dritte Disziplin im diesjährigen Kunstsommer vor: 24 Künstlerinnen und Künstler wurden vom Kunstverein Arnsberg dazu eingeladen, Projekte für eine Ausstellung im Möhnesee sowie entlang des Ufers zu entwickeln. So entstanden für die „Odyssee“ Skulpturen, Performances, Konzerte, Aktionen als auch Interventionen, die in, unter und entlang des Wassers erfahrbar waren. Eine hieran anschließende Ausstellung im Kunstverein Arnsberg zeigt eine Auswahl an Relikten der „Odyssee“ am Möhnesee sowie weitere, darauf Bezug nehmende Werke.



Odyssee, Foto: Velkov



Odyssee – Ein Erfahrungsbericht von Christina Irrgang

 


Möhnesee, 29. Juli 2017:


Der Wind bläst in die konstruktivistisch bemalten Segel von Raul Walch („Spherical Semaphore“), die Regatta startet zur Fahrt in den See. So habe ich mir die Kunsttour auf dem Möhnesee vorgestellt. Doch der Wind weht an diesem Nachmittag zu stark, und die Segler des Yachtclubs lassen ihre Boote im Hafen. So bleibt das Ruderboot, das Tretboot – oder Schwimmen! Vlado Velkov, künstlerischer Leiter des Kunstvereins Arnsberg und Kurator dieser Ausstellung ohne architektonische Begrenzung, rät zum Schwimmen, denn nur so seien die Kunstwerke von allen Seiten – einschließlich jener unter der Wasseroberfläche – sichtbar. Auch Kasper König war bereits am Morgen mit ihm im Wasser unterwegs. In die Ausstellung gehen heißt hier also: ins Wasser gehen und den Skulpturen in ihrem spezifisch elementaren Umfeld durch die eigene körperliche Aktivität näher kommen.


Wir warten im Schatten der Bäume unter einer Flagge von Reto Pulfer. Der Künstler Tilman Wendland ist heute auch da, ebenso die Künstlerin Ella Ziegler, die am Ufer steht und die von ihr zusammen mit der Künstlergruppe The Bite Back Movement und einem lokalen Vogelkundler gestalteten Tattoos auf der Haut der BesucherInnen anbringt: Die Lachmöwe, der Haubentaucher, die Graugans…die in der Biosphäre des Möhnesees lebenden Tiere werden zum Seefahrer-Motiv auf den Armen der ZuschauerInnen und Kunst-SchwimmerInnen.


Zum Umziehen hat Julian Breuer die „Umkleidekabine S.M.K.“ gestaltet, die vorwiegend aus Jalousien besteht und den Sichtschutz, den sie mit charmanter Ironie zu bieten vorgibt, im wehenden Wind sogleich auflöst. Eine kleine Gruppe, darunter Wendland und ich, begibt sich über Steine, Sand und Schlick zum Wettschwimmen ins Wasser. Wir starten auf der Höhe von Aram Bartholls „Obsolete Presence“, wo wir uns in der Spiegelfläche des Displays der aus dem Wasser ragenden, überdimensionierten Smartphone-Skulptur selbst beim Schwimmen im eisigen See zusehen. Dann: gegen die Kälte schwimmen, gegen die Wellen schwimmen, sich von der Strömung treiben lassen, von einem Kunstwerk zum nächsten, sich an der blauen Bojen-Kette von Knut Henrik Henriksen festhalten, die „Trinity Island“ von Tanaz Modabber erklimmen, einen Moment auf der sich wiegenden und mit Pflanzen bestückten Insel verweilen, das Ufer von der glitzernden Wasseroberfläche aus betrachten. Paddler und Surfer ziehen vorbei. Einer taucht nach Marco Bruzzones wasserfester Leinwand „Get Over Yourself“ – ich schwimme weiter zur Circe von DaeWha Kang, die sich als Sinnbild der griechischen Göttin hier in aller Leichtigkeit aus Holz über dem See auffächert – Tilman Wendland wird unsichtbar in seiner eigenen Skulptur, ein eisschollenartiges Objekt, in das man hinein schwimmen kann und nur noch den Himmel um sich herum sieht. Dem Ufer nah, erscheinen die aus dem Boden ragenden Elemente von Mirjam Thomann („Ohne Titel, für Mary Miss“) wie eine abgesteckte Zielmarkierung dieses Parcours, der sich je nach Kondition, Strömung und Temperatur des Wassers ausdehnen lässt.


Wieder an Land. Zurück in der Kabine von Julian Breuer, hungrig, ergeben die Bananen, die hier über der Kante hängen, neben ihrer Ästhetik und kunsthistorischen Assoziationen wie Andy Warhol mit Velvet Underground/Nico nun ganz einfach auch einen praktischen Sinn. Schließlich hole auch ich mir ein Tattoo von Ella Ziegler: so ziert die weibliche Stockente meinen Arm wie ein Abzeichen. Odyssee Möhnesee 2017 – ich war dabei!



Kunstverein Arnsberg, 13. August 2017:

 

Mit dem Besuch des zweiten Teils der „Odyssee“ im Kunstverein Arnsberg vervollständige ich mein Bild der Beiträge der 24 beteiligten Künstlerinnen und Künstler, die symbolisch auch die Zahl der „24 Gesänge“ der Odyssee nach Homer spiegeln. Bereits am Möhnesee initiierte Narrative wie Swantje La Mouttes mit Kreide und Papier befüllte Flaschen entfalten hier im Ausstellungsraum ihre ganze Poetik: So werden die Kreidezeichnungen, die sich erst über den Verlauf der „Odyssee“ am Möhnesee im Prozess – durch den Wellenverlauf und die Dynamik des Wassers – herausgebildet haben, hier im Kunstverein sichtbar. Reto Pulfer installiert ein amorph herabhängendes Zelt aus blauen und grünen Tüchern, in dem lyrische Verse, Zeichnungen und getrocknete Zweige von einem Ort des Anderswo erzählen. Die Aktion „Bedrohung“ von Fabian Knecht, der anlässlich der Eröffnung des zweiten Teils der „Odyssee“ ein lebendiges Krokodil in den Ausstellungsraum holte, kommt als Episode eines Abenteuers Homer vielleicht fast noch am nächsten...



Raul Walch, Foto: Velkov               Odyssee, Foto: Velkov


Ella Ziegler/The Bite Back Movement                           Julian Breuer, Foto: Velkov


Aram Bartholl, Foto: Velkov                        Foto: Velkov


Knut Henrik Henriksen, Foto: Velkov               Tanaz Modabber, Foto: Velkov

 

Foto: Velkov               Marco Bruzzone, Foto: Velkov


DaeWha Kang, Foto: Velkov               Tilman Wendland, Foto: Velkov


Mirjam Thomann, Foto: Velkov               Ella Ziegler, Christina Irrgang, Foto: Velkov


Irrgang, Foto: Velkov               Swantje La Moutte, Foto: Velkov


Reto Pulfer, Foto: Velkov               Fabian Knecht, Foto: Velkov



Die Ausstellung Odyssee wurde von der Kunststiftung NRW gefördert. Die Odyssee am Möhnesee fand vom 20.-30 Juli 2017 statt. Die Odyssee im Kunstverein Arnsberg  läuft bis zum 10. September 2017. Während des Kunstsommers Arnsberg finden im August weitere Aktionen auf der Ruhr in Arnsberg statt.



Text: Christina Irrgang