Im Fokus:
Die Sammlung Wolfgang Hahn im Museum Ludwig, Köln


Die Ausstellung „Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre“ beleuchtet die Sammlertätigkeit von Wolfgang Hahn (1924-1987), der um 1960 in Köln begann, eine vielschichtige Sammlung der Neoavantgarde aufzubauen, welche Werke des Nouveau Réalisme, Fluxus, Happening, Pop Art und der Konzeptkunst umfasst.

Die im Museum Ludwig in Köln realisierte Ausstellung wurde von der Kunststiftung NRW gefördert. Ähnlich, wie die Kunststiftung NRW mit der Förderung von Literatur, Musik, Tanz, Theater und Visueller Kunst das Ziel verfolgt, die verschiedenen Gattungen der Künste als Ganzes zu betrachten, verfolgte auch Wolfgang Hahn mit seiner Sammlung den Anspruch, die Grenzen der Kunstdisziplinen zu überschreiten. Diese Besonderheit wird in der im Museum Ludwig präsentierten und von Barbara Engelbach kuratierten Ausstellung erfahrbar: mit einer Hinwendung zum künstlerischen Prozess, wie sie auch Hahn in seiner Sammlertätigkeit prägte.



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Drei Fragen an die Kuratorin Barbara Engelbach

 


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Wolfgang Hahn führte ein Leben mit der Kunst. Der studierte Kunsthistoriker arbeitete ab 1955 als Gemälderestaurator, ab 1962 als Chefrestaurator am Wallraf-Richartz-Museum und in der Folge am Museum Ludwig in Köln. Seine private Sammlung umfasste nicht nur Werke der zeitgenössischen Kunst der 1960er Jahre, sondern auch eine umfangreiche Bibliothek und Ephemera, wie Briefe, Postkarten oder Poster. Wolfgang Hahn lebte mit und in diesem Archiv, das sich ganz und gar den künstlerischen Entwicklungen seiner Zeit verschrieb.

Wie sind Sie Hahns Kontext bezogenem Sammlungsanspruch bei der Konzeption der Ausstellung begegnet?


Wolfgang Hahn hat 1968 in der von ihm selbst kuratierten Ausstellung seiner Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum vorgemacht, wie er sich die Einbeziehung seiner Ephemera vorstellte: In den Räumen fanden sich viele Vitrinen, die mit Büchern, Fotografien und Dokumenten gefüllt waren. In unserer Präsentation haben wir die Materialien vor allem im Eingangsbereich konzentriert. Hier haben die Besucher die Möglichkeit, in die spannende Umbruchszeit der frühen 1960er Jahre einzutauchen und aus der Perspektive des Sammlers zu entdecken, wie verdichtet das Kunst- und Kulturleben im Rheinland war. Hahn nahm an ihm aktiv teil und besuchte sehr viele Ausstellungen und Veranstaltungen, die wir exemplarisch mit Fotografien und Einladungskarten vermitteln. Außerdem wird in diesem Bereich der Sammler Hahn vorgestellt, der sich zu Hause nicht nur mit der Kunst umgab, sondern auch Künstler einlud, neue Arbeiten bei ihm zu realisieren. Das berühmte Werk „Hahns Abendmahl“ von 1964 ist so entstanden. Die Gäste hatten zu einem von Daniel Spoerri gekochten Abendessen ihr eigenes Geschirr und Besteck mitzubringen. Nach dem Essen begann der Künstler alle Gegenstände und Spuren des Essens auf der großen Tischplatte zu fixieren und so sein Fallenbild für Hahn herzustellen.

Hahns Archivalien sind aber auch in der Ausstellung zu finden. Hahn hatte sehr früh verstanden, dass Einladungskarten und Briefe den Status von Kunstobjekten erhalten können, wenn Künstler sie konzeptuell in ihre Arbeiten einbeziehen, wie dies zum Beispiel bei Marcel Broodthaers der Fall ist. Darüber hinaus blickte Hahn als Zeitgenosse und zugleich mit historischem Bewusstsein auf aktuelle Kunst. So erkannte er die künstlerische Bedeutung von „Cityrama II“, einer nichtrealisierten Stadtrundfahrt, die Wolf Vostell und Stefan Wewerka 1962 für Köln in Kooperation mit 16 Künstlern geplant hatten, und erwarb die Archivmaterialien um 1970. Neben dem großen Aktionsplan von Vostell ist die Korrespondenz mit den Beteiligten zu finden: Projektvorschläge, Briefe, Skizzen und Pläne.



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Hahns Sammlung repräsentiert eine interdisziplinäre, nicht hierarchische Haltung: so wird in der Ausstellung im Museum Ludwig das Zusammenfließen von Bildender Kunst, Musik, Tanz und Literatur deutlich.

Wie haben Sie die Aspekte des Ephemeren und des Performativen, die bei den von Wolfgang Hahn gesammelten Werken wesentlich sind, in den Ausstellungsraum übertragen?


Viele Arbeiten sind aus Aktionen und Aufführungen hervorgegangen. Hahn hatte zum Beispiel eine Reihe von Objekten aus Nam June Paiks Ausstellung „Exposition of Music - Electronic Television“ in der Galerie Parnass in Wuppertal 1963 nachträglich erworben, die in der Ausstellung als Musikinstrumente zur freien Nutzung für die Besucher präsentiert worden waren. Diesen doppelten Status zwischen Relikt und autonomen Kunstwerk wollte ich deutlich machen, indem ich sie an manchen Stellen mit großen Fotoabzügen kombiniert habe, welche den Kontext ihrer Erstpräsentation verdeutlichen. Auch war es uns wichtig, die partizipative Seite der Kunst der 1960er Jahre zu vermitteln. Daher haben wir die junge Künstlerin Kasia Fudakowski eingeladen, die Arbeit „Push and Pull. A Furniture Comedy for Hans Hofmann“ des Künstlers Allan Kaprow von 1963 neu zu erfinden. Diese Rauminstallation kann von den Besuchern genutzt werden, wenn sie den Instruktionen der Künstlerin folgen, die sie in Anlehnung an das Original formuliert hat. Schließlich sind auch Tonarbeiten von Musikern, Literaten und Künstlern in die Ausstellung einbezogen.



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Die Sammlung umfasst viele Schlüsselwerke, die in Verbindung mit der Kunstentwicklung der 1960er Jahre im Rheinland/in Nordrhein-Westfalen stehen, so beispielsweise Nam June Paiks legendäres „Klavier Intégral“ (1958-63), das Paik 1963 erstmals in Wuppertal im Rahmen eines ganzen Szenarios präsentierte (Galerie Parnass, s.o.) und dies das einzig erhaltene Klavier daraus ist. Wolfgang Hahn verkaufte dann 1978 seine Sammlung an das Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, heute mumok – Museum moderner Kunst, mit dem die aktuelle Ausstellung in Zusammenarbeit entstanden ist, gemeinsam kuratiert von Ihnen und Susanne Neuburger.

Welche Chancen eröffnen sich jetzt durch diese Doppelschau?


Die Ausstellung bedeutet für beide Häuser die große Chance, dass die Sammlung erstmals seit 1968 in Köln und seit 1979 in Wien als Ganzes der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Denn auch in Wien war sie in den letzten Jahren immer nur in Teilen ausgestellt. So ist es nun nach vielen Jahren an beiden Orten möglich, Hahns Sammlung als Zeitkapsel sowie die besondere Qualität der Werke in ihrer Aktualität und Lebendigkeit zu entdecken. Ein weiterer Gewinn der Zusammenarbeit sind die unterschiedlichen Perspektiven, die Susanne Neuburger in Wien und ich in Köln auf die Sammlung Hahn haben. Denn in Wien fehlt der historische Kontext des Rheinlandes. Dafür sind die Bibliothek und das Archiv vor Ort und können bei der Ausstellung in Wien im Herbst in größerem Umfang eingebracht werden. Umgekehrt ist bei uns die Geschichte der Kunst- und Kulturszene der 1960er Jahre noch präsent und die Orte ihrer Entstehungsgeschichte vertraut. Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel bei „Cityrama II“ Städteansichten der 1960er aus unserer Fotografischen Sammlung integriert, die diesen Bezug deutlich machen. Zugleich war es uns in Köln wichtig, eine verdeckte Geschichte unserer Sammlung sichtbar zu machen, stand doch Hahn mit Peter Ludwig in einem intensiven Gedankenaustausch, aus dem manche Ankäufe der Ludwigs hervorgegangen sind. So zum Beispiel „La table de Robert“ des Künstlers Daniel Spoerri von 1961, die Ludwig von Hahn erwarb.



Das Interview führte Christina Irrgang



Die Ausstellung Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre ist bis zum 24. September 2017 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. 

 



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Abb. 1: FotografIn unbekannt Im Hause Hahn, Hahn auf der Treppe, 1968 © Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK)

 

Abb. 2: FotografIn unbekannt Wolfgang Hahn im Wohnzimmer umgeben von Objekten aus seiner Sammlung, Köln, um 1970 Foto: © Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 für die Werke von Bruce Conner, John Chamberlain, Konrad Klapheck, Jim Dine; © Robert Rauschenberg © Robert Rauschenberg Foundation/ VG Bild-Kunst, Bonn 2017; George Segal © George and Helen Segal Foundation / VG Bild- Kunst, Bonn 2017, © Kienholz. Courtesy of L.A. Louver, Venice, CA, © Lucas Samaras, courtesy Pace Gallery, © 2017 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./ Artists Rights Society (ARS), New York , © Robert Watts, © Claes Oldenburg, © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth


Abb. 3 und Abb. 4: Installationsansicht Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre Museum Ludwig, Köln 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Britta Schlier


Abb. 5: Daniel Spoerri Hahns Abendmahl, 1964 verschiedene Materialien 200 x 200 x 38 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: mumok, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln


Abb. 6: Nam June Paik Klavier Intégral, 1958-1963 Fluxus-Klavier präpariert mit verschiedenen Materialien 140 x 136 x 65 cm © Nam June Paik Estate Foto: mumok, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln


Abb. 7: Kasia Fudakowski Push and Pull—Re-Invented, 2017 Neuinterpretation des Werks “Push and Pull” (1963) von Allan Kaprow, Voransicht der App © Kasia Fudakowski