Im Fokus:
Skulptur Projekte Münster 2017 und
The Hot Wire, Marl


Eine Kooperation von Skulptur Projekte Münster und Skulpturenmuseum Glaskasten Marl



Dominique Gonzalez – Foerster, Roman de Münster, 2017, Ausschnitt; © Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Foto: Thorsten Arendt



Münster


Seit 1977 finden alle zehn Jahre die Skulptur Projekte Münster statt, die in diesem Jahr – wie auch bereits 1997 und 2007 – von der Kunststiftung NRW gefördert werden. Dabei ist der Caravan von Michael Asher (1943-2012) zum Sinnbild der Skulpturenausstellung im öffentlichen Raum geworden: installierte der Künstler 1977, 1987, 1997 und 2007 über die Dauer der Skulptur Projekte hinweg einen Caravan in der Stadt Münster, der wöchentlich seine – in den zehnjährigen Intervallen gleichbleibenden – festgelegten Standorte wechselte. Ashers Projekt ist eng mit der Geschichte der von Kasper König und Klaus Bußmann initiierten Skulptur Projekte verbunden. So bieten die Skulptur Projekte Münster 2017, die von Kasper König, Britta Peters und Marianne Wagner kuratiert wurden, mit der Archiv-Ausstellung „Double Check – Michael Ashers Installation Münster (Caravan) `77 `87 `97 `07“ im LWL-Landesmuseum einen Rückblick auf Ashers bisher die Skulptur Projekte begleitenden Beitrag. Sie, wie auch bereits Asher, verweisen damit auf die Fähigkeit von skulpturalen und performativen Interventionen: eine Neuverortung im Raum zu ermöglichen und zugleich die Veränderung eines Ortes wie auch der (eigenen) Perspektive wahrzunehmen. Ein Schwerpunkt findet 2017 bei den über dreißig neu entwickelten Projekten international renommierter Künstlerinnen und Künstler das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum in Zeiten zunehmender Digitalisierung.


In einer ehemaligen Eissporthalle in Münster realisierte Pierre Huygue (*1962) die Installation „After ALife Ahead“, welche nicht nur die gesamte Architektur des stillgelegten Eispalastes umfasst, sondern auch die Halle umgebende Elemente der Natur mit einbezieht. So hat Huygue durch den Aufbruch der Betonkonstruktion der Eisfläche und Aushöhlung sowie Aufhäufung des Erdreiches eine Landschaft erzeugt, die durch verschiedene räumliche Ebenen, Materialen, Medien und Aggregatzustände ein apokalyptisch-entrücktes Raumerleben erzeugt. Der Ort changiert zwischen seiner vergangenen Funktion als Sport- und Freizeiteinrichtung und dem Prozess der Verwitterung. Durch sich mechanisch öffnende Elemente fallen Licht und Regen hinab, so dass sich natürliche Prozesse wie das Wachstum von Pflanzen oder das Hereinfliegen von Vögeln vollziehen. Aus Sand, Erde, Stein und Wasser entsteht hier ein Biotop, das wiederum mit klar umrissenen Strukturen in Wechselwirkung tritt. Dabei erscheint die vorgegebene Architektur durch die stufenförmig angelegte Zuschauertribüne als Amphitheater, wobei im Zentrum des Spiels ein skulpturales Wasserbassin erleuchtet oder zu einem schwarzen Kubus verdunkelt. Die Stille, die innerhalb der gesamten Installation ist, greift an das unmittelbare Raumerleben, an Sein und an Werden.


Alexandra Pirici (*1982) verortet ihre Arbeit „Leaking Territories“ im Friedenssaal im Historischen Rathaus Münster, in dem 1648 zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges sowie weiterer kriegerischer Konflikte der Friede von Münster geschlossen wurde. An einem Ort der Rechtsprechung, der für Dialog, Toleranz und Völkerverständigung steht, eröffnet Pirici durch die Mittel von Gesang und Performance einen Raum, der sowohl Geschichte und Erinnerung, als auch das Jetzt während des Verlaufes der nahezu einstündigen Performance reflektiert. Die sechs DarstellerInnen empfangen die BesucherInnen mit einem vielstimmigen Choral in der Eingangshalle des Rathauses und führen sie hinein in die ehemalige Rats- und Gerichtskammer, in welcher die Akteure als Einzelfiguren oder im Kollektiv medial vermittelte Ereignisse aus Politik, Geschichte, Kunst, Literatur, Umwelt oder Kosmos durch körperliche Metaphern wie Gesten, Posen und durch Sprache (re-)inszeniert. „Here we are“: Durch das Ausrufen von Daten und Entfernungsangaben erzeugen die PerformerInnen ein mentales Verorten in Zeit und Raum, welches die Präsenz im Friedenssaal fortlaufend in Bezug zu dem Anderswo, zu Grenzziehung, Territorium und Macht verhandelt und zugleich die Frage nach dem eigenen Standpunkt hervor bringt. Als lebendige Suchmaschine treten die PerformerInnen schließlich in einen Dialog mit dem Publikum und überführen die Vielstimmigkeit ihres Spiels in den realen Raum, der die Grenze zwischen Virtualität, individuellem Lebensraum und gesellschaftlicher Realität auflöst und sich im vis-à-vis von PerformerInnen und BesucherInnen dem Moment hingibt.



Marl


Die Stadt Marl hat eine junge, doch kulturpolitisch faszinierende Geschichte: Gegründet 1936 als Zusammenschluss verschiedener Dörfer, ist ihre Struktur vor allem in den 1950er und 60er Jahren als moderne Industriestadt zwischen Steinkohleförderung und chemischer Industrie angewachsen. Im Zuge der Umsetzung des Rathauses, das von den Architekten Van den Broek und Bakema entworfen und 1967 fertig gestellt wurde, begann die Stadt Marl, gezielt Skulpturen zu sammeln und sich durch die Mittel der Bildenden Kunst ein Profil aufzubauen. Marl entwickelte sich insbesondere durch die beiden Ausstellungen „Stadt und Skulptur“ (1970 und 1972) zu einem Ort, der mit seiner Skulpturensammlung im öffentlichen Raum zukunftsweisende Impulse auf hohem Niveau setzte. Über den Einbezug von Skulpturen in städtebauliche sowie gartenarchitektonische Konzepte, bildete sich Anfang der 1980er Jahre dann das Skulpturenmuseum Glaskasten heraus (aktuell geleitet von Georg Elben), das durch seine transparente Architektur und ebenerdige Eingliederung in das Rathausgebäude eine Schnittstelle zwischen Innen- und Außenraum bildet.


Die Ausstellung „The Hot Wire“, die als Kooperationsprojekt der Städte Marl und Münster im Rahmen der Skulptur Projekte Münster 2017 gezeigt wird, und die ebenfalls von der Kunststiftung NRW gefördert wird, stellt durch den Tausch von Skulpturen oder skulpturaler Konzepte das gemeinsame Bestreben dieser beiden Städte heraus: Skulptur im öffentlichen Raum als Chance einer fokussierten Wahrnehmung von Stadt, Raum und Mensch in einem demokratischen Gefüge zu begreifen.

So wird in Marl die 1997 von Reiner Ruthenbeck (1937-2016) für die Skulptur Projekte Münster konzipierte Performance „Begegnung Schwarz/Weiß“ wieder aufgeführt. Immer sonntags begegnen sich ein Schimmel und ein Rappe einschließlich ihrer Reiter auf einer festgelegten Route um See, Skulpturenpark und Rathaus im Marler Stadtpark, wobei Ort und Zeitpunkt ihrer Begegnung durch Zufall und Rhythmik ihrer Bewegung variieren.

Völlig neu entwickelt hat Joëlle Tuerlinckx (*1958) die performative Intervention „Le Tag/200m“, bei der jeden Morgen über den Verlauf der Ausstellung hinweg eine weiße Kreidelinie im Park gezogen wird. Sie bildet eine zeichnerische Grenze, Markierung sowie Achse zwischen dem Rathaus/Museum Glaskasten und einer leerstehenden Schule, welche möglicherweise ein neuer Ort für das Museum während der vorgesehenen Rathaussanierung werden könnte.

Im Skulpturenmuseum selbst sind Modelle bereits realisierter Projekte der bisherigen Ausgaben der Skulptur Projekte Münster ausgestellt, welche ergänzend durch eine Videodokumentation die spezifische Geschichte der Skulptur Projekte nachzeichnen.

Thomas Schüttes (*1954) „Kirschensäule“, 1987 in Münster umgesetzt, findet wiederum als „Melonensäule“ (2017) eine reale Entsprechung auf dem Parkplatz nahe des Marler Rathauses und bildet so als Zwillingssäule zu jener in Münster ein gewachsenes Symbol dieser spannenden und bereichernden Kooperation.


Text: Christina Irrgang



Die Skulptur Projekte Münster als auch „The Hot Wire“ in Marl fanden vom 10. Juni bis zum 01. Oktober 2017 statt.

Weitere Informationen entnehmen Sie


Skulptur Projekte Münster

Museum Glaskasten Marl



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3             4. Abb. 1-4: Pierre Huyghe, After ALife Ahead, Skulptur Projekte 2017, Ice rink concrete floor; Sand, clay, phreatic water; Bacteria, algae, bee, chimera peacock; Aquarium, black switchable glass, conus textile; Incubator, human cancer cells; Genetic algorithm; Augmented reality; Automated ceiling structure; Rain; Ammoniac; Logic game. Foto: Ola Rindal



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7               8. Abb. 5-8: Alexandra Pirici, Leaking Territories © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge



9               10. Abb. 9 + 10: Reiner Ruthenbeck, Begegnung Schwarz/Weiss, Re-enactment, 2017; © Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Foto: Thorsten Arendt



11                          12. Abb. 11 + 12: Joëlle Tuerlinckx, Le Tag /200m, 2017; © Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Foto: Thorsten Arendt



Abb. 13: Thomas Schütte, Kirschensäule, 1987, © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge                            Abb. 14: Thomas Schütte, Melonensäule, 2017; © Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Foto: Thorsten Arendt