Im Fokus: Wu Tsang in der Kunsthalle Münster


Wu Tsang, Video-Still, Foto: Paul Hester*



Über die Ausstellung „Devotional Document (Part 2)“ von Wu Tsang in der Kunsthalle Münster


Wu Tsangs erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland, deren Realisierung in der Kunsthalle Münster von der Kunststiftung NRW gefördert wurde, formuliert eine sinnliche Bewegung im Raum, denn hier scheint alles ineinander zu greifen: die Konzeption der als Abfolge geordneten Ausstellungsarchitektur, die Bild- und Klangebenen der einzelnen Arbeiten, und nicht zuletzt die Sprache, die sich hier gleichbedeutend aus Worten sowie rein performativen Elementen zusammen fügt – als „Devotional Document (Part 2)“.


Da ist zunächst der warme Gesang einer männlichen Stimme, die im Eingangsbereich der Kunsthalle Münster erklingt und in den ersten Ausstellungsraum mit fast soul-artiger Tonlage lockt. Gehüllt in einen roten Samtumhang mit Kristallen, bietet der im Gegenlicht – zwischen Brunnen und Pflanzen – erstrahlende Protagonist ein Chanting des Liedes „Girl Talk“ dar, welches Titel gebend für Wu Tsangs hier gleichnamig gezeigten Film steht. Der Performer ist Fred Moten, Dichter und Professor für Englisch an der University of California, Riverside, mit dem Wu Tsang in der Vergangenheit bereits häufiger zusammengearbeitet hat, und der insbesondere bei dieser Ausstellung wiederkehrend als Dialogpartner in verschiedenen Rollen erscheint.


Bereits 2015 förderte die Kunststiftung NRW die herausragende Arbeit der jungen, vielbeachteten Film-, Installations- und Performance-Künstlerin Wu Tsang (*1982, USA) im Rahmen der von Elodie Evers kuratierten Gruppenausstellung „Real Humans“ in der Düsseldorfer Kunsthalle. Die Stiftung unterstützt nun in Münster eine sehr konzentrierte Präsentation, die ermöglicht, das dialogisch konzipierte Werk von Wu Tsang in seiner Vielfalt und Intensität zu erfahren. Wu Tsang erschließt mit ihrer Arbeit neue soziologische Räume: so auch in ihrem ganz neuen Film „We hold where study“, der in der Kunsthalle Münster großformatig als Zwei-Kanal-Projektion präsentiert wird und ein besonderes Raum-Klang-Erlebnis innerhalb der Ausstellung bietet. Zwei sich zum Teil überlagernde Bildräume werden durch die Gesten und Bewegungen ihrer DarstellerInnen/TänzerInnen skizziert, wobei die szenisch-nonverbale Kommunikation von einer musikalischen Komposition umspannt und getragen wird. Dabei ist es ein Suchen und Finden, Festhalten und Verlieren des Gegenübers – das (Er-)Greifen und Loslassen von Körper, Form, Sprache, Identität, Geschlecht, kultureller und räumlicher Zugehörigkeit, das Wu Tsang als stete Wechselwirkung einkreist und zugleich doch fortlaufend fließen lässt.


Die Künstlerin erzeugt performative Narrative, die sich vom filmischen Illusionsraum in den konkreten Ausstellungsraum hinein sinnlich entfalten, erfahrbar werden, und die BetrachterInnen als individuell agierenden Teil, ja als Individuum dieses von Wu Tsang eröffneten Raumes einbeziehen. Wu Tsang bricht so räumliche wie ideelle Perspektiven auf, denn ihre Videoarbeiten, Zeichnungen und Skulpturen folgen nie einer statischen Ausrichtung. Vielmehr formuliert sie einen Raum zwischen Innen und Außen, Horizontale, Vertikale, gewölbter Linse, gebrochenem Licht, gespiegelten Flächen oder frei zu bewegenden Elementen – wie in der zu durchschreitenden und zu berührenden Skulptur „Gravitational Feel“, in der sich schließlich die von Wu Tsang verhandelten Fragen um den Findungsprozess der eigenen Identität („Who touched me?“) in einer poetisch-meditativen Stille selbst ertasten lassen.


Text: Christina Irrgang



Die Ausstellung wurde kuratiert von Gail Kirkpatrick und Marcus Lütkemeyer.

Sie ist bis zum 01. Oktober 2017 in der Kunsthalle Münster zu sehen.



Wu Tsang, Girl Talk, Video-Still**



Wu Tsang, We hold where study, Video-Still***



Wu Tsang, Installations-Ansicht Kunsthalle Münster, Foto: Roman Mensing****



Wu Tsang, Gravitational Feel, Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster, Foto: CI



(*) Wu Tsang, Miss Communication and Mr:Re, 2014, 2-Channel Color HD Video with Sound. Courtesy the Artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Foto: Paul Hester.

(**) Wu Tsang, Girl Talk, 2015, Single Channel Color HD Video with Sound, Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin.

(***/****) Wu Tsang, We hold where study, 2017, 2-Channel Color HD Video with Sound: Film by Wu Tsang; Choreography by Ligia Lewis and boychild; Performers: boychild, Jonathan Gonzalez, Josh Johnson, Ligia Lewis, Lorenzo Moten; Music by Bendik Giske; Cinematography: Antonio Cisneros; Stedicam: Timber Hoy; Voiceover: Fred Moten; Editor: Wu Tsang; Assistant Editor: Lap-See Lam. Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Work commissioned by curator Nadja Argyropoulou for Polyeco Art Initiative. **** Foto: Roman Mensing.