Verlegen als künstlerisches Projekt?
Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage


© Kunststiftung NRW / Susanne Diesner



Am 5. und 6. Februar 2018 trafen sich mehr als 60 Independent-Verlegerinnen und -Verleger auf Einladung der Kunststiftung NRW zu einer Arbeitstagung in Düsseldorf. Verlegen als künstlerisches Projekt?, so lautete die Frage, die die Kunststiftung der Veranstaltung als Titel voranstellte. Ihr Ziel als gastgebende Fördereinrichtung war es, den beteiligten Verlagen ein Diskussionsforum zu bieten, um über ihre aktuelle Lage, ihre Bedeutung für das kulturelle Leben und existenzsichernde Maßnahmen zu sprechen. Das Treffen endete am Abend des 06. Februar mit einer gemeinsamen Erklärung aller Beteiligten, der Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage. Als Schwerpunkte der Tagung wurden die Themenfelder „Independents und Öffentlichkeit“, „Strukturwandel und Globalisierung“, „Interessenvertretung und Vernetzung“ sowie „Selbstverständnis und Perspektiven“ behandelt. Die Frage, ob und wie unabhängige Verlage in Zukunft gefördert werden können, spielte in diesem Rahmen eine besondere Rolle.
Bereits im Februar 2017 hatte die Kunststiftung NRW eine kleine Auswahl unabhängiger Verlage zu einer Gesprächsrunde eingeladen, um sich einen ersten Eindruck der Lage der sogenannten „Independents“ zu verschaffen, die einen wichtigen und lebendigen Teil der deutschen Verlagslandschaft verkörpern. Dabei deutete sich an, dass das dauerhafte Bestehen vieler Verlage substanziell gefährdet ist, wodurch sich die Kunststiftung veranlasst sah, den Dialog mit den Independents fortzusetzen und deren Bedürfnislage auf einer breiteren Basis zu erschließen.


Während der Buchmesse in Leipzig (15.03. bis 18.03.2018) fand am ersten Messetag eine Podiumsdiskussion zum Thema „Reden wir über Geld! Förderung für unabhängige Verlage“ statt. Es handelte sich um eine Veranstaltung der Leipziger Buchmesse und der Kunststiftung NRW. Auf dem Podium saßen Isabel Pfeiffer-Poensgen (Ministerin für Kultur und Wissenschaft NRW, Düsseldorf), Daniel Beskos (Mairisch Verlag, Hamburg), Anna Jung (Verlag Jung & Jung, Salzburg), Dani Landolf (Geschäftsführer Schweizer Buchhändler und Verlegerverband, Zürich) und Michael Naumann (Gründungsdirektor Barenboim-Said-Akademie, Berlin). Die Diskussion wurde von Thomas Böhm moderiert und fand am 15. März um 14 Uhr im Congress Center der Leipziger Messe, Mehrzweckfläche 4, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „bücher.macher“ statt.



Besprechungen und Rückblicke bei:   BuchMarkt   boersenblatt.net

bookbytes  von Volker Oppmann  (Onkel & Onkel, Kleinmachnow)


Deutschlandfunk Büchermarkt, Studiogespräch mit Stefan Weidle (Weidle Verlag, Bonn) und Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag, Berlin)


Deutschlandfunk Kultur, Studiogespräch mit Daniel Beskos (Mairisch Verlag, Hamburg)


 WDR5 Scala, Studiogespräch mit Monika Bilstein (Peter Hammer Verlag, Wuppertal)


Gespräch zur Tagung "Verlegen als künstlerisches Projekt" mit der Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, Dr. Ursula Sinnreich bei BuchMarkt 


Gespräch mit dem Präsidenten der Kunststiftung NRW, Dr. Fritz Behrens bei BuchMarkt (2017)



Im Verlagswesen wie auch im Kunstmarkt oder in der Musikindustrie gibt es Global-Player – aber auch diejenigen, die sich nicht primär durch ihre Verkaufszahlen definieren, sondern über ihre Haltung zum Gegenstand: ein inhaltlich überzeugendes Buch, dessen Botschaft gesellschaftliche Relevanz hat, ein in seiner Form und Machart überzeugendes Kunstwerk, das womöglich nicht der Norm entspricht, aber zeitgenössische Aspekte benennt, oder ein Musikstück, das durch die Filter des Mainstream hindurch fließt, aber den Augenblick einer interkulturellen Bewegung erfasst.


Die Frage, was unabhängige Verlage in ihrer Arbeit kennzeichnet und ausmacht, war der ersten deutschen Verlegertagung vorangestellt: Unter dem Titel „Verlegen als künstlerisches Projekt?“ lud die Kunststiftung NRW über sechzig unabhängige Verlage zu einer zweitägigen Arbeitstagung nach Düsseldorf ein. So trafen sich Verlegerinnen und Verleger aus ganz Deutschland am 05. und 06. Februar 2018 im Düsseldorfer Malkasten, um sich darüber auszutauschen, was unabhängige Verlage brauchen, damit sie auch in Zukunft noch bestehen können. Das von der Kunststiftung NRW initiierte Treffen war die erste derartige Zusammenkunft unabhängiger deutscher Verlegerinnen und Verleger überhaupt und setzte gezielt an einem konkreten Punkt an: dass es staatliche Förderungen in vielen kulturellen Sparten in Deutschland gibt, deren Bildungsauftrag allgemein anerkannt wird, eine derart umfängliche Unterstützung für die Vermittlung des Kulturgutes Buch jedoch nicht besteht. Ganz anders ist die Lage beispielsweise in Österreich und in der Schweiz, wo jährlich Millionenbeträge in qualitätsvolle Umsetzung literarischer Werke investiert werden und eine staatliche Verlagsförderung für unabhängige Verlage – als Teil der Kunstförderung – bereits seit über zwei Jahrzehnten existiert. So brachten die Impulsvorträge von Prof. Dr. Klaus Amann (Referent für die Verlagsförderung in Österreich) und André Gstettenhofer (Salis/Swips, Referent für die Verlagsförderung in der Schweiz) nicht nur Staunen über die Möglichkeiten in den Nachbarländern, sondern bestätigten auch die anhaltende Ernüchterung der hier anwesenden Verlegerinnen und Verleger.


In vier Arbeitsgruppen zu den Themen „Independents und Öffentlichkeit“, „Strukturwandel und Globalisierung“, „Interessenvertretung und Vernetzung“ sowie „Selbstverständnis und Perspektiven“ gingen die Verlegerinnen und Verleger für zwei Tage in verschiedenen Räumen des Künstlervereins Malkasten in Klausur und diskutierten ihre Ergebnisse wiederholt im Plenum. Grundlegende Problematiken, die der Verleger Stefan Weidle (Weidle Verlag, Bonn) in seiner Key Note zu Beginn der Tagung angesprochen hatte, wie etwa die Rückzahlungsforderungen der VG-Wort im vergangenen Jahr, welche viele unabhängigem Verlage in Existenzgefahr gebracht hatten, wurden ebenso reflektiert wie die Verdienste der gemeinnützigen Kurt-Wolff-Stiftung in Leipzig gewürdigt, deren Initiativen eine vielfältige Verlags- und Literaturszene stärken und die sich gerne für eine staatliche Verlagsförderung engagieren möchte – was auch die Vorsitzende der Stiftung, Britta Jürgs (AvivA Verlag, Berlin) bekräftigte. Der Referent und Verleger Volker Oppmann (Onkel & Onkel, Kleinmachnow) entwickelte die Idee einer autonomen Internet-Plattform, „eine Agora für das digitale Zeitalter“, die sich unabhängig und vor allem nachhaltig von rein kommerziellen Plattformen wie „amazon“ entwickeln und behaupten könnte, um die Diversität und Eigenständigkeit unabhängiger Verlage zu stärken und inmitten eines sich wandelnden Konsumverhaltens der Gesellschaft das Fortbestehen unabhängiger Verlage überhaupt erst zu gewährleisten.


Mit klaren Vorstellungen und Zielen brachten die Verlegerinnen und Verleger ihre Diskussionsansätze am Abend des 06. Februar 2018 zu einer ersten gemeinsamen Manifestation: der Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage. Dabei ist die Düsseldorfer Erklärung allenfalls ein Startpunkt für etwas, das schon längst überfällig war: nämlich die Förderwürdigkeit eines Kulturgutes zu benennen, das nachhaltig, interdisziplinär sowie länderübergreifend Bildung und Werte unseres Gesellschaftssystems sichert und dabei durch die unabhängigen Verlegerinnen und Verleger überhaupt erst zugänglich gemacht wird. Sie sind es, welche auch weniger bekannten, vergessenen und wiederentdeckten Autorinnen und Autoren ein Forum bieten, um sichtbar zu werden. Sie initiieren Übersetzungen. Sie entwickeln gemeinsam mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Lyrikerinnen und Lyrikern ein künstlerisches Format, welches dem geschriebenen Wort einen adäquaten Rahmen bietet: das Buch, die Lesung, das Gespräch und der Austausch darüber.


Die Individualität der Verlegerinnen und Verleger ist so groß wie die künstlerische Vielfalt und die inhaltlichen Spektren, die sie mit ihren Veröffentlichungen vorlegen. Die unabhängigen Verlage selbst bilden so die (inter-)kulturelle Vielfalt ab, die sie mit ihrer Arbeit hervorbringen und für die sie sich bedingungslos einsetzen. Mit der Idee des Aufbaus einer „Bundeszentrale für literarische Bildung“, wie in der Düsseldorfer Erklärung aufgeführt, wird deutlich, dass es den Verlegerinnen und Verlegern um mehr geht, als um ein reines Preisgeld: Sie verfolgen mit ihrer Arbeit einen Bildungsauftrag, der sich als grundlegend versteht. Handlungsbedarf besteht nicht nur in der Politik – die Düsseldorfer Erklärung spricht alle Bürgerinnen und Bürger, ja unsere gesamte Gesellschaft an. Es ist nicht nur an der Zeit, um über die in der Erklärung formulierten Thesen nachzudenken, sondern substanziell umzudenken: konditioniertes Konsumverhalten und Bequemlichkeit zu überprüfen, die Inhalte zwischenmenschlicher Kommunikation zu befragen und nicht zuletzt auch bei der Lektüre auf Qualität abseits vom Mainstream zu setzen. Was also auf die mit der Düsseldorfer Erklärung formulierte Stellungnahme folgt, ist ein langfristiger Prozess der Umsetzung – zu dem auch wir als Leserinnen und Leser mit unserem Handeln beitragen können.



Düsseldorfer Erklärung der unabhängigen Verlage
 

Dr. Ursula Sinnreich, Generalsekretärin Kunststiftung NRW © Kunststiftung NRW / Susanne Diesner
 

Tagung Verlegen als künstlerisches Projekt 5 6 Februar 2018 © Kunststiftung NRW / Susanne Diesner
 

Tagung Verlegen als künstlerisches Projekt 5 6 Februar 2018 © Kunststiftung NRW / Susanne Diesner
 

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