Stipendiaten-Berichte, Theater: Marlin de Haan


Marlin de Haan

Auszüge Bericht Istanbul

Oktober 2016 bis März 2017



Aufenthalt


Von Oktober 2016 bis Ende März 2017 lebte und arbeitete ich als Stipendiatin („Theater“) in Istanbul. Anfangs hatte ich auf Grund der politischen Situation große Zweifel an diesem Vorhaben. Einerseits fürchtete ich um meine Sicherheit, andererseits fragte ich mich, wie ich unter diesen Bedingungen – allgemeine Angst und Unsicherheit der Menschen vor Ort – dort arbeiten könne, denn ich wollte mich auf die Stadt einlassen und in dem zeitlichen Rahmen von sechs Monaten Projektvorhaben entwickeln. Mit Ersterem habe ich im Laufe der Zeit umzugehen gelernt: Menschenmassen meiden, außenherum gehen, immer einen Ausweis dabei haben usw. Letzteres, diese besondere Stimmung des Schockzustands und der großen Sprachlosigkeit, die teilweise durch überzogene Ironie zum Ausdruck gebracht wurde, ermöglichte mir tatsächlich nur sehr schwer, Zugang zu den Menschen und Kollegen vor Ort zu bekommen. Erdoǧans Handeln und das bevorstehende Referendum führte dazu, dass die Sorge um eine Zukunft als Künstler in der Türkei und die Angst vor der Einschränkung der persönlichen Freiheit das Hauptinteresse meiner Bekannten war. Auch ich konnte und wollte die Gesamtsituation nicht ignorieren. Erst über den Austausch darüber und meine Anwesenheit vor Ort, erkannte ich Möglichkeiten für mich und meine Arbeit in Istanbul in einer solchen Zeit.

 

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Tag X nach meiner Ankunft.

(…) Hier ist alles groß und viel, so dass ich mich jedes Angebotes zunächst verwehre.

Mein einziger Schutz sind meine eigenen vier Wände. Und eigentlich möchte ich hier erstmal nur SEIN.

Gestern gab es dreimal einen Stromausfall. Da ist das SEIN dann schneller da, als man dachte. Ich saß im Dunkeln und habe gewartet. Bis jemand das Licht wieder angeknipst hat. Und morgens habe ich mich einfach wieder schlafen gelegt. Immerhin hätte ich da Licht gehabt. (…)


Mit den Menschen vor Ort mitzufühlen und ein Teil des Geschehens zu sein, war für mich eine neue Erfahrung. Ebenso erlebte ich, wie es ist, fremd zu sein bzw. sich fremd zu fühlen, denn ich war eine Fremde in einer riesigen Stadt, zu einer Zeit, in der Touristen ausblieben, in der die deutsch-türkischen Beziehungen kriselten und in der die Rolle der Frau teilweise eine ganz andere ist, als die, die ich gewohnt bin. Ich entschied mich dazu, Blickkontakte auf der Straße zu meiden und mich unauffälliger zu kleiden.


Für meine Arbeit hat mich zunächst meine grundsätzliche Situation als Ausgangskonstellation oder Rahmenbedingung interessiert und herausgefordert: Eine Regisseurin ohne Bühne und Schauspieler und ohne Möglichkeiten im öffentlichen Raum in Istanbul. Ich wollte herausarbeiten, was ich tatsächlich benötige, um arbeiten zu können und herausfinden, welche Arbeitsweise sich daraus entwickeln könnte. Der freie Rahmen des Stipendiums bot mir die Möglichkeit, auf diese Weise mein bisheriges, künstlerisches Tun zu reflektieren und weiter zu entwickeln.



Vor Ort


Ich habe u. a. einen sehr schneereichen Januar in Istanbul verbracht, wo sich beeindruckende Alltags-Szenerien abspielten. Für mich war es die richtige Entscheidung sechs Monate am Stück dort zu sein, weil das meiner Arbeitsweise entspricht. Ich wollte mich in diesem zeitlichen Rahmen auf diesen mir fremden Ort einlassen.



site-specific intervention of a dog, Beşiktaş/Istanbul, November 2016 (Video)



Die ersten drei Monate habe ich gebraucht, um mich zu orientieren, zu recherchieren und Kontakte zu knüpfen. Die letzten drei Monate dienten der Konkretisierung und Umsetzung von Ideen.


Die Theater-, Kunst- und Kulturszene ist politisch geprägt und europäisch beeinflusst. Sie finanziert sich sowohl von öffentlichen Mitteln – diese gibt es inklusive der politischen Kontrolle – oder privat. Ich entdeckte eine Theaterszene, die aus meiner Sicht eher klassisch und konservativ arbeitet. Es gibt Erzähltheater mit wenig bzw. sehr ähnlichem ästhetischen Anspruch und einer Vorliebe für Pathos, oft nah an der Textvorlage und ohne Interesse an darstellerischen Möglichkeiten inszeniert. Das mag neben den politischen Umständen auch eine Frage des Geschmacks sein und ich muss zugeben, dass ich viele Stücke auf Türkisch gesehen habe, so dass ich also von der Textebene nichts verstehen konnte. Überrascht war ich aber letztendlich darüber, wie technisch perfekt Stücke gespielt und gezeigt werden und wie emotional kühl sie dabei bleiben.

Istanbul hat außerdem eine kleine, experimentelle, freie Tanz-Szene und eine Physical Theatre-Szene, die eine klassische Mischung aus Tanz und Theater zeigt. Es gibt einige Kunsträume mit Einzel- und Gruppenausstellungen und derzeit entwickelt sich eine Kunstperformance-Szene, die sich regelmäßig in Galerie-Räumen präsentiert. In der Musikszene treffen traditionelle und moderne Ansätze aufeinander. Es wird sowohl in Clubs, Bars und Konzerträumen als auch im öffentlichen Raum gespielt.

Ich habe versucht, mir in allen Bereichen einen Überblick zu verschaffen, und Orte, an denen Kunst stattfindet und gezeigt wird, kennen zu lernen.


Beeindruckt hat mich v. a. die Stadt selbst, die voller Abenteuer und Clashs ist. Hier gab es immer etwas zu entdecken. Mich beschäftigte die „Inszenierung“ des Privaten und des Öffentlichen, die ich dort vorfand. Ich traf auf ein „Theater des Alltäglichen“ und entdeckte spannende Orte mit absurden Zusammensetzungen von Dingen und Menschen im Stadtraum.


Die inszenierte Öffentlichkeit im Privaten

Die Inszenierung der Privatheit in der Öffentlichkeit                                 



Rechercheansatz


Die Grundkonstellation meines Aufenthaltes – eine Regisseurin ohne Bühne und ohne Performer – war mein Rechercheansatz. So installierte ich in meiner Stipendiaten-Wohnung für den gesamten Zeitraum eine abgeklebte Bühnenfläche.


 


Ich installierte mir einen Ort, den ich für einen Zeitraum von 6 Monaten uneingeschränkt und unabhängig vom politischen Geschehen nutzen konnte. Welche Möglichkeiten bietet eine Bühne? Was soll auf einer Bühne gezeigt werden? Inwiefern lassen sich der öffentliche und der private Raum trennen? Was ist die Bühne als Objekt?

Zusätzlich suchte ich nach frei zugänglichen „Bühnen“ im öffentlichen Raum – Objekte oder Orte, die als solches genutzt werden – und dokumentierte diese fotografisch.



"Was wirkt die Bühne“ fragt Friedrich Schiller in einer 1784 in Mannheim gehaltenen Vorlesung. Seiner Meinung nach werden hier die „Bildung des Verstands und des Herzens mit der edelsten Unterhaltung vereinigt“ und ein „unwiderstehlicher Hang nach dem Neuen und Außerordentlichen, ein Verlangen, sich in einen leidenschaftlichen Zustande zu fühlen“ darf ausgelebt werden. Ein Bühnengeschehen dient als „Wegweiser durch das bürgerliche Leben [und kann] ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele“ sein. Es macht uns nicht nur „auf Menschen und Menschencharakter [aufmerksam], [sondern] auch auf Schicksale (…) und lehrt uns die große Kunst, sie zu ertragen.“ Hier können gesellschaftlich relevante Themen wie z. B. „die Duldung der Religionen und Sekten“ dargelegt werden, aber auch „von der Schaubühne aus die Meinungen der Nation über Regierung und Regenten zurecht[gewiesen werden]“. 


„Was wirkt die Bühne“ oder auch was sind Vor- und Nachtteile der selbigen, Möglichkeiten und Grenzen? Was erwarte ich von ihr als Ort, wie kann dieser aussehen und was macht er für mich aus? Wie sollte das Objekt „Bühne“ sein oder wie nicht? Was ist mein Verhältnis zur Bühne und wie könnte dieses ausgebaut oder weiterentwickelt werden (sowohl aus der Sicht des Betrachters als auch aus der des „Darstellers“)? Was wünsche ich mir und wovon träume ich?



"Als Ort der Aufführung bleibt sie der Ausgangspunkt künstlerischer Begegnung – mag sie auch noch so unsichtbar, alltäglich oder provokant aufgeschlagen sein.“



Eine Auswahl:


      

      

      


Die „Bühne“ und die „Inszenierung“ erwiesen sich als Ausgangspunkt für sämtliche Projektvorhaben.



Projekte


Während meines Aufenthalts habe ich viele interessante Leute und Kollegen kennengelernt und intensive Gespräche geführt. Daraus und aus meiner Recherche sowie der Ansammlung von Material, haben sich mehrere Projektvorhaben ergeben, welche teilweise bereits realisiert wurden oder noch in Planung sind.


So nahm ich z. B. mit meiner Arbeit „Ah! No! Ok!“ am Ausstellungsprojekt „The New Normal“ von Murat Adash (Stipendiat des Bundeslandes Hessen) und Hiba Farhat teil. „The New Normal“ wurde in Beirut und Istanbul gezeigt.


Marlin de Haan, Ah! No! Ok!, 2017


Außerdem gab ich Workshops für Studenten an vier Istanbuler Universitäten. An der Bahçeşehir University arbeitete ich mit Foto/Video-Studenten in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Orhan Cem Cetin zum Thema „Tableau vivant“ und an der Maltepe University, Mimar Sinan Güzel Sanatlar University und Beykent University mit Schauspielstudenten (Schwerpunkt Improvisation und Textarbeit). Dadurch konnte ich Theater und seine Möglichkeiten beim „Nachwuchs“ thematisieren. Der abgeklebte Ort, die selbst-bestimmte Bühne, war ebenfalls Teil der Auseinandersetzung im Rahmen dieser Lehrtätigkeiten. Die Workshops hielt ich auf Englisch und ein/e Mitarbeiter*in übersetzte auf Türkisch, weil die meisten Studenten nicht über ausreichend Englischkenntnisse verfügten.


- Workshop „Flux(us) on stage: Instructions as challenge.", department performing arts, Mimar Sinan Güzel Sanatlar University, Istanbul (2017)

- Workshop „Material and Character“, department performing arts, Maltepe University,

Istanbul (2017)

- Workshop “Improvisation: Possibilities on stage.”, department performing arts, Beykent University, Istanbul (2017)

- Workshop “Tableau vivant: Storytelling and Composition.”(in Zusammenarbeit mit Orhan Cem Cetin), department photo/video, Bahçeşehir University, Istanbul (2017)



    

    



Fazit


Zeit zum Entwickeln neuer Projekte und Arbeitsweisen ermöglicht zu bekommen, Abstand zum eigenen Arbeitsmarkt in Deutschland zu haben und sich auf dem dortigen in Istanbul zurechtzufinden und sogar zu präsentieren, war eine tolle Erfahrung. Auch der Austausch mit den türkischen Künstlern und den anderen Stipendiaten hat mir neue Einblicke auf mich, meine Arbeit und die Zeit, in der wir leben, verschafft.